The Father

Bewertung: 5 von 5.

»I want my mommy…«

The Father fühlte sich für mich so an, als hätte der Film auf mich gewartet. Struktur, Stil, Script – das hätte auch ein Michael Haneke sein können. Ich fühlte mich teilweise an Amour von ihm erinnert, einige Elemente gleichen sich sehr und die Tatsache, dass es bei einem überschaubaren Ensemble bleibt, welches sich hauptsächlich in einer Wohnung trifft, passt einfach.

Aufgrund persönlicher Erfahrungen weiß ich, dass The Father noch nicht weit genug geht. Der Film macht die Verwirrung lebendig, wir bleiben fast ausschließlich bei Anthony, wir sehen Verdruss, Furcht, Aggression. Aber auch das der Angehörigen. Wir wissen nie, was wahr ist – oder wer, wenn Charaktere kommen und gehen und verschiedene Namen und Identitäten annehmen, je nachdem, wie er sie erkennt. Alles ist flüchtig und doch fühlt sich jeder einzelne Moment wichtig und real an.

Das Produktdesign ist gezielt großartig und der Film schafft es mit einigen visuellen Veränderungen des Umfelds ein Gefühl der Größe zu entwickeln. Florian Zellers Debüt ist in allen Belangen sehr sauber, es riecht nach Wohlstand und existenzielle Ängste sparrt der Film aus. Was auch fehlt, um die Sache wirklich komplett zu machen ist der parelle körperliche Verfall der Erkrankung. Die Demenz ist kaum nur rein geistig, was den Zustand natürlich noch verschlimmert, aber in der Hinsicht bleibt The Father subtil. Dennoch schafft es der Film den ständig verändernden Geist Anthonys so darzustellen, dass man sich der Handlung kaum entziehen kann. Der sehr zurückhaltende Score von Ludovico Einaudi bleibt hier sehr bedeckt und es lässt sich auch sagen, dass wir uns hier nicht an einem Melodram anlehnen.

Der gesamte Film wäre nur halb so gut ohne sein Ensemble. Wir werden hier von einem erstklassigen Duo eingenommen, Olivia Colman und Anthony Hopkins. Er ist brillant, weil er sich bemüht, durch diese trübe Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart zu navigieren. Seine Technik hat eine überwältigende Genauigkeit, da er eine breite Palette von Gefühlen und Emotionen vermitteln muss, aber auch eine Weichheit und Offenheit. Es ist eines der absolut besten Werke von Hopkins‘ langer und berühmter Karriere. Colman steht ihm als seine Tochter Anne gegenüber, deren Rolle es ist, für Beständigkeit und Stabilität zu sorgen, auch wenn sie am liebsten in sich zusammenfallen würde, wenn sie gequält zu lächeln versucht, während ihre Augen unter Tränen stehen. Alle Leistungen, die ich bisher von Colman sah, waren enorm.

Ich bin mir sicher, dass The Father leider nicht die Preise erhalten wird, die er eigentlich verdient hätte. Ich würde Hopkins tatsächlich hier den Oscar überlassen, aber wir wissen alle, dass der Post-mortem-Oscar stets siegt. Dieser Film trifft den Ton um einiges besser als der jüngste Film über Demenz Supernova. The Father zeigt einen großen Teil der Demenz, noch mehr wäre wahrscheinlich auch an Grausamkeit etwas zu viel. Florian Zeller hat hier ein extrem gutes Maß getroffen. Feinfühlig, sanft und scharf schneidend wie ein Bajonett.


Titel: The Father
Originaltitel: The Father
Land/Jahr: UK; 2020
Länge: 98 Minuten
Screenplay: Florian Zeller, Christopher Hampton
Regie: Florian Zeller
Cinematography: Ben Smithard
Musik: Ludovico Einaudi
Cast: Anthony Hopkins, Olivia Colman, Imogen Poots, Rufus Sewell, Olivia Williams, Mark Gatiss

Titelfoto: Sundance Film Festival