Ammonite

Bewertung: 4.5 von 5.

„What is it?“ – „Something… Nothing“

Als ich den ersten Trailer zu Ammonite sah, blieb dieser kurze Dialog bei mir am meisten hängen, keine Ahnung warum. Es gab zwei Tage im Sommer, da schaute ich den Trailer obsessiv. Kate Winslet und Saoirse Ronan im 19. Jahrhundert an einem Strand in England; die Harte und die Sanfte. Nach Porträt einer jungen Frau in Flammen war ich anfällig für diese Art von Figuren, das Setting, die Strömungen – allerdings hatte ich auch Bedenken, ob sich etwas wiederholen könnte, wegen der zu Beginn ersichtlichen Parallelen der beiden Filme. Es kam dann aber doch anders, sogar noch grundlegender als vorher angenommen. Der Trailer spricht eine andere Sprache als der Film selbst, ich war erleichtert.

Ammonite ist nach God’s Own Country Francis Lees zweiter Langfilm. Schon in seinem Erstling widmete sich Lee einem gleichgeschlechtlichem Paar, das sich nahe der Natur sowohl psychisch als auch physisch verbindet und die Haupterzählung darin bestand, wie andere Menschen und Liebhaber, sich gegenseitig verändern, etwas in uns freischalten und die Schale zum platzen bringt. Lee beschreibt in seinen Drehbüchern die Liebenden sehr unterschiedlich, sie wirken wie Feuer und Wasser nebeneinander, aber sie bremsen sich nicht aus. Im Gegenteil, es wirkt stets so, als ob das Wasser die Flamme erst recht zum Lodern bringt und die Figuren motivieren sich wie zwei gut geölte Zahnräder.

Kate Winslet verkörpert in Ammonite die berühmte Fossiliensammlerin Mary Anning, die am Strand von Dorset täglich Fossilien untersucht und studiert. Sie lebt zurückgezogen mit ihrer Mutter Molly (Gemma Jones) und unterhält ein kleines Geschäft, poliert Steine und ist etwa 23 Stunden am Tag schweigsam und introvertiert. Lee war äußert präzise und hatte klare Vorstellungen an seine Hauptfigur. Sie sollte vor allem mit ihrem Körper und ihrer Mimik kommunizieren, wie ein verschlossener Safe, der etwas entkoppelt vom üblichen sozialen Leben sein Dasein fristet. Winslets Interpretation der Mary Anning erinnert etwas an Stephen Daldrys Der Vorleser von 2008, es dürfte die beste Leistung ihrer bisherigen Karriere gewesen sein, welche hier nun abgelöst wird. Die Besetzung ist punktgenau und makellos. Gib der Frau das richtige Material, dann kann sie daraus wirklich etwas Großes machen und das tat sie.

Marys wohlsortiertes und ruhiges Leben wird von heute auf morgen verändert, als ein Mann namens Roderick Murchison (James McArdle) ihren Laden betritt. Er ist ein erfolgreicher Paläontologe und weiß Marys Arbeit wirklich zu schätzen. Mary gibt ihm sofort schroff zu verstehen, dass ihr Geschlecht wohl der Grund ist, dass ihre Arbeit weitläufig nicht den gebührenden Anklang findet, die sie verdient hätte. In dieser Zeitepoche ist das auch zweifellos richtig. Roderick wird begleitet von seiner Frau Charlotte (Saoirse Ronan), die sich ruhig und zerbrechlich wirkend im Hintergrund hält. In nachfolgenden Szenen bekommt man einen Eindruck davon, dass Charlotte in dieser Ehe nahezu keine Geige spielt. Es ist eine flatternde Motte in einem Glas, welches Lee als visuelles Bild einfliessen lässt und Charlottes Zustand perfekt beschreibt. Lee hält sich, auch später nicht, damit zurück zu verdeutlichen, dass die meisten Frauen in der damaligen Zeit kaum Entfaltung fanden und der Leidensdruck immens hoch gewesen sein muss. Für den Ehemann ist es schlicht eine „Melancholie“, die seine Frau für sich eingenommen hat und sie in einen Schatten verwandelte. Sie sei nicht mehr die Frau, die er einst heiratete und er sieht es überhaupt nicht ein zu reflektieren, was sein Einfluss an diesem Wandel gewesen sein könnte.

Roderick bittet Mary gegen Bezahlung, dass Charlotte bei ihr mehrere Wochen verbringt um sie an der Seeluft zu kurieren und um von ihr etwas zu lernen. Für Mary ist das ein Angebot, was sie wegen ihrer Geldnot kaum ausschlagen kann und willigt ein. Charlotte erkrankt kurz darauf an einer schweren Lungenentzündung und ist auf eine mehrtätige Pflege angewiesen. Mary nimmt sich dem fürsorglich an und ihr gewohnter Tagesablauf wird nun gekreuzt durch die Anwesenheit einer schönen, jungen Frau, die in Marys Augen schlicht von ihrem Mann verlassen wurde. Die Dynamik zwischen den beiden Frauen fängt ab dieser Stelle des Drehbuchs an zu wachsen und sich zu formen. Der Zuschauer erfährt grundsätzlich Teile ihrer Vergangenheit über kleine Erzählungen Dritter, Beobachtungsszenen und über die Körpersprache. Direkte Dialoge über Gründe und Motive gibt es sehr selten und wenn es sie gibt, dann sind sie kurz und prägnant. Ammonite baut sehr viel in der Stille auf und über den Klang von brechenden Wellen am Strand und fauchendem Wind. Mary und Charlotte kommunizieren viel über die Gestik und Mimik, aber der Film wirkt dabei nicht verschlossen oder verheimlichend. Er wird dadurch eher etwas schwermütig. Ähnlich schon wie in God’s Own Country gibt Lee auch leichte Prisen von Humor mit hinein, aber wirklich eher spärlich und sarkastisch. Laute Lacher gibt es in beiden Filmen nicht, Lee bleibt da sehr auf Distanz und seine Figuren kippen so kaum ins melodramatische, obwohl sie könnten, aber Ronan und Winslet halten sich da beide sehr zurück, was mir sehr willkommen war.

Die Schlüsselszene des Films lese ich dann als unglaublich schöne Metapher. Nachdem beide Frauen sich an die Anwesenheit der anderen gewöhnt hatten, findet Charlotte einen großen Stein am Strand und möchte ihn bergen. Mary tut es ab, er sei zu groß und es wäre vermutlich eine Zeitverschwendung. Ich sehe diese Szene als eine Visualisierung, die Eroberung von Marys Herz durch Charlotte – sie beginnt, den Stein vom Schlamm zu befreien und beide Frauen tragen ihn zusammen fort. Die Verbindung ist hier nun perfekt, die harte Seele von Mary Anning bekommt Risse und zum Vorschein kommt eine Frau, die nicht frei von Sehnsüchten, Begehren nach Nähe und Zweisamkeit ist. Trifft man auf den richtigen Menschen im Leben, auf DIESEN besonderen Partner, der uns noch neue Dinge über uns selbst lehrt, dieses Element nimmt Ammonite vollkommen für sich ein. Lee krempelt die Menschen in zwei Filmstunden glaubhaft um, vor allem wird das richtig sichtbar, wenn die physische Nähe ins Spiel kommt.

Anders als in Sciammas Porträt einer jungen Frau in Flammen, der fast vollkommen ohne körperliche Liebesszenen auskommt, geht Lee einen anderen Weg. Wie schon in God’s Own Country zeigt er dem Zuschauer die Schönheit von queerem Sex, ohne dabei ins Vulgäre oder Pornografische abzudriften. Der Regisseur ist hier sehr respektvoll und will den Zuschauer nicht zu sehr mit Intimität konfrontieren, aber doch schon so weit, dass man tatsächlich versteht, wonach sich die Figuren auch noch sehnen. Lee gibt diesen Szenen häufig viel Spielraum und arbeitet sehr eng mit den Darstellern zusammen und lässt sie beispielsweise selbst improvisieren. Es soll echt und vielleicht auch etwas gierig wirken, wilde Leidenschaft, im Stehen, sitzend, liegend – ganz egal, es darf nur nicht nach Protokoll aussehen.

Ammonite musste sich in einigen Kritiken den Vorwurf gefallen lassen, dass es besser gewesen wäre, man hätte die Rollen eher homosexuellen Schauspielern überlassen, aber das siehe ich gänzlich anders. Man erwartet ja schließlich auch nicht, dass man die Verkörperung eines Serien-Killers auch einem echten Mörder überlässt. Das ist ein vollkommen invalider Kritikpunkt. Nein, mit Ronan und Winslet hat Lee zwei absolut wunderbare Schauspielerinnen und jede von Ihnen hat mit Sicherheit ihre Erfahrungen selbst schon gemacht oder weiß zumindest, wie man Liebe und Verlangen körperlich umsetzt. In der Hinsicht sind Hetero- und Homosexuelle Beziehungen recht ähnlich, wenn nicht sogar gleich. Winslet ist hier sogar noch aufgrund des Altersunterschieds im Vorteil. Sie ist 45 Jahre jung und Saoirse Ronan ist 26. Die Chemie zwischen den beiden ist schweißtreibend schön und die erotischen Szenen stehen in einem starken Kontrast gegenüber der sonstigen Plackerei des Films. Ich rate dazu, sich die Szene im Wasser mit den beiden Frauen genau anzusehen. Nur allein das Spiel in ihren Gesichtern ist es Wert, die Szene immer und immer wieder zu wiederholen. Standbild und Porträtieren. Ich hatte das Gefühl, die beiden schnappen nach Luft oder sie sind von der Sonne geblendet, nachdem sie aus dem dunklen Keller kamen. Es war wie das Erwachen aus einem tiefen Schlaf.

Saoirse Ronan ist hier sehr gut. Sie ist grundsätzlich in allem sehr gut, was sie tut. Trotzdem gehört der Film vor allem Kate Winslet. Sie behält gänzlich die Kontrolle. Es wäre möglich gewesen, die offenere Mary Anning zu sehr offen erscheinen zu lassen, aber Winslet umgeht diese Falle gekonnt. Sie gibt ihr zwar eine softere Haut, aber sie bleibt trotzdem eine verschlossene Frau. In ihrer Darstellung herrscht so viel Anmut und jede Nuance scheint wohl durchdacht. Für den wenigen Text, den sie hat, vermittelt sie wirklich die inneren Konflikte der Figur nur durch die Körpersprache. Ronan als Charlotte blühte vor allem in der zweiten Hälfte des Films richtig auf. Sie entpuppt sich später als die schöne Schelmin, sie wird wieder so, wie ihr Ehemann sie einst kannte. Leidenschaftlich und neugierig, interessiert und loyal. Sie gibt sich Mary vollkommen hin und ist am Ende tatsächlich der aktive und treibende Part der Beziehung.

Das Ende hat mich nach der ersten Sichtung etwas frustriert, aber jetzt, nach einer Nacht unruhigen Schlafes, sehe ich es etwas optimistischer. Der Film erzählt von Veränderungen und Verbindungen und die beiden Figuren sind, jede für sich und mit dem anderen, unglaublich weit gegangen. Beide sehen, wie sie mit der Hilfe des anderen über sich hinaus wachsen konnten und es lohnt sich, dieses mit in ihre Zukunft zu nehmen. Wunderbarer Film!


Mary Anning (21. Mai 1799 – 9. März 1847) war eine echte Fossiliensammlerin, die prägende Entdeckungen gemacht hat, aber es gibt keine Beweise dafür, dass sie eine Beziehung zu Charlotte hatte. Charlotte Murchison (18. April 1788 – 9. February 1869) war eine britische Geologin. Annings Nachkommen haben in Frage gestellt, eine reale Person für eine Geschichte wie diese zu verwenden, aber dieses Gespräch endet für mich, wenn wir uns fragen, ob die Leute Einwände gegen eine heterosexuelle Romanze erheben würden, die Anning fiktiv auferlegt wird. Mit Ammonite greift Francis Lee nach etwas Tieferem als einer Biografie- oder Geschichtsstunde. Es ist eine Geschichte der Verbindung, etwas, das wir alle suchen, selbst nachdem unser Leben es unmöglich gemacht hat, es zu finden. Sogar Menschen, die so weit von der Gesellschaft entfernt sind wie Anning, können plötzlich in lebensverändernde Beziehungen hineinstolpern. Wir können alle für immer von jemandem verändert werden, sowas passiert vielleicht sogar täglich. Überall.


Titel: Ammonite
Originaltitel: Ammonite
Land/Jahr: UK; 2020
Länge: 117 Minuten
Screenplay & Regie: Francis Lee
Cinematographie: Stéphane Fontaine
Cast: Kate Winslet, Saoirse Ronan, Gemma Jones, Fiona Shaw, Alec Secareanu

Titelbild: ©Tobis Films