Beach Rats

Bewertung: 4.5 von 5.

Frankie (Harris Dickinson) ist ein junger Erwachsener mit einem freundlichen Herzen und einem Geist voller Zweifel. Er ist von Schuld und Scham geplagt und weiß nicht, was er damit anfangen oder wie er alles rauslassen soll, ohne dass jemand herausfindet, was ihn zum Weinen bringt. Manchmal erinnerte er mich an mich selbst, damals, in den 1990ern. Auch wenn Frankie sehr wenig spricht, kenne ich ihn recht gut.

Homosexuell zu sein bedeutet nicht, dass man versteht, was es heißt, schwul zu sein. Frankie ist von Männern angezogen – daran zweifelt er nicht. Die Verwirrung liegt in seinem Verständnis der schwulen Identität und wie sich Sexualität manifestiert. Er sieht überall Heterosexualität, heterosexuelle Paare, die sich im Zug an den Händen halten, seine Schwester, die einen Jungen im Park küsst, seine Mutter, die sich neben seinem Vater zusammenrollt. Frankies Kontakt mit schwuler Sexualität ist dramatisch anders. Nur online oder nachts im Gebüsch versteckt, ein schmutziges Geheimnis. Diese Männer, die Striptease machen und nackt vor Webcams tanzen, sind lächerlich und Frankie ist völlig entfremdet. Das mag er? Das ist es, schwul zu sein? Er kennt keine schwulen Männer in seinem eigenen Leben, daher wird diese minimale Untergruppe der Community, die er online sieht, zu seinem gesamten Verständnis. Frankie passt nicht zum Stereotyp und obwohl dies ihn vor Belästigung durch heterosexuelle Menschen schützt, spürt er eine so intensive Trennung von der schwulen Identität, dass er in eine Krise gerät. Er gehört einfach nicht dazu.

Beach Rats beginnt und endet an klaren Erzählspuren, wobei gelegentlich Handlungsentwicklungen auftreten, aber dies ist nichts anderes als eine Charakterstudie, wenn auch eine radikalere Form von einer. Eliza Hittman selbst bezeichnet den Film als „nicht erwachsen“. Dies ist kein Film über ein Outing – das ist für Frankie einfach keine Option. Er testet das Wasser mit seinen Freunden, seiner Freundin und seiner Familie und es gibt keine Unterstützung. Dies ist eine Geschichte von emotionaler Veränderung und Verwirklichung, ein junger Mann, der erkennt, dass er nicht der Mann sein wird, der er sein will.

Der Film bietet vielleicht die beste Darstellung, die ich von einer verdrängten sexuellen Identität und ihren schädlichen Auswirkungen gesehen habe. Der soziale Druck, der auf Frankie ausgeübt wird, um in einer heterosexuellen Beziehung zu sein, ist unbestreitbar und erschlagend und die meisten Menschen erkennen nicht einmal, wie sie dazu beitragen. Es fängt schon allein bei der Sprache an. Für Frankie ist es keine Option, geoutet zu sein. Es wird ausdrücklich klargestellt, dass ihn in diesem Fall niemand unterstützen wird. Er muss genau wie sein Vater sein oder eben genau wie die anderen Jungs. Harris Dickinson geht hier deutlich über sich hinaus und sein wachsendes Unbehagen in seiner eigenen Haut wird im Laufe des Films immer deutlicher.

Dickinsons Performance steht auch im Einklang mit dem Rest des Films, da die Subtilität ihn so erhaben macht. Es ist so offensichtlich, dass bei Frankie etwas nagt, noch bevor wir genau erkennen, was es ist. All seine Freunde nehmen Drogen, aber er nimmt sie, um zu fliehen und nicht um Spaß zu haben. Er fühlt sich so in seinem eigenen Gehirn gefangen, dass es die einzige vorübergehende Flucht ist, aber selbst das schwindet irgendwann. Ich fühlte mit ihm, als er mit seiner Freundin intim war, offensichtlich unbehaglich und unwillig, aber das war es, was er tun sollte. Er hat sie falsch behandelt und nichts entschuldigt das, aber ich konnte verstehen, warum er es tat. Sie ist wunderschön und er weiß es, aber er will sie einfach nicht. Je tiefer er in seine falsche Identität eindringt, desto mehr bestätigen ihn seine Freunde und desto mehr wird er von seinem Inneren getrennt. Er nimmt mehr Drogen und opfert noch mehr von seiner Moral, weil er zu diesem Zeitpunkt kaum eine Person ist. Er hat keine Identität. Ich hätte diese Sparte des Films vielleicht gelassen, weil Gewalt einfach ein zu großer Schritt ist und mir persönlich nie egal wäre.

Hittmans Herangehensweise an das Filmemachen ist brillant und ich kann nicht aufhören darüber zu schwärmen, wie gut sie ihre schönen Visionen verwirklichen kann. Das gleiche gilt übrigens für den furiosen Never Rarely Sometimes Always. Der Dialog ist spärlich und so viel bleibt unausgesprochen, aber man kann jeden Meter Wahrheit spüren, die vom Bildschirm ausstrahlt. Jede Szene ist wunderschön, während eine so naturalistische Qualität erhalten bleibt. Es fühlt sich alles so real an und doch völlig konzentriert. Beach Rats ist umfassend und doch niemals ziellos. Nur wenige Minuten nach Beginn des Films hat man bereits ein gründliches Verständnis für die Kultur dieser Stadt und die sozialen Gegebenheiten. Dies ist die Art von Ort, an dem jeder jede Woche im Sommer zum Pier geht, um das Feuerwerk zu sehen, obwohl es sich nie ändert. Aber Frankie ändert sich und in zwei getrennten Momenten sieht er denselben Anblick und erkennt etwas total anderes.

Beach Rats hätte ich wahrscheinlich nie gesehen, wenn er nicht von Eliza Hittman sein würde. Aber nach Never Rarely Sometimes Always stand es nahe, auch ihre früheren Werke zu betrachten. Mit einigen Inhalten kann ich mich sehr verbinden, aber auch die Übrigen sind mir nicht gänzlich fremd. Es ist alles nachvollziehbar. Ich begrüße Hittman und ihre Schauspieler auch für die realistischen Darstellungen vom schwulen Sex. Die Kamera scheut nichts, ohne jemals ausbeuterisch oder gar pornografisch zu sein. Ich bin mir zwar sicher, dass die grafische Natur des Inhalts für einige abschreckend sein wird, aber ich glaube, dass dies ein wichtiger Film ist, um wirklich einen Eindruck davon zu bekommen, was es heißt, in einer heteronormativen Welt eingeschlossen zu sein. Dieser Film hat so viel zu bieten und das ist wunderbar!


Titel: Beach Rats
Originaltitel: Beach Rats
Land/Jahr: USA; 2017
FSK: 16 Jahre
Länge: 98 Minuten
Screenplay & Regie: Eliza Hittman
Cinematography: Hélène Louvart
Cast: Harris Dickinson, Kate Hodge, Erik Potempa, Madeline Weinstein
Stream: Netflix

Niemals Selten Manchmal Immer

Bewertung: 4.5 von 5.

Während Juno aus dem Jahre 2007 noch von der Planung erzählte, was mit dem Neugeborenen nach der Geburt passieren soll, handelt Niemals Selten Manchmal Immer (Originaltitel: Never Rarely Sometimes Always) davon, wie eine ungewollte Schwangerschaft vorzeitig abgebrochen wird. Eliza Hittman schrieb das Drehbuch zum Film und führte ebenso die Regie.

Die 17jährige Autumn (Sidney Flanigan) lebt in Pennsylvania und jobbt mit ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) in einem Supermarkt. Mit dem Verdacht schwanger zu sein, sucht sich Autumn Hilfe bei einer ehrenamtlichen Praxis um dort einen Schwangerschaftstest durchführen und sich beraten zu lassen. Die Ärztin vor Ort möchte Autumn dazu bewegen, dass Kind nicht abtreiben zu lassen. Nachdem sich Autumn ihrer Cousine anvertraut hat, entschliessen sich beide nach New York zu reisen, da in Amerika die Abtreibungsregelungen zwischen den Bundesstaaten unterschiedlich sind und dort ein Abbruch „leichter“ bzw. legal durchzuführen ist. Mittellos, ängstlich und unwissend begleiten wir die jungen Frauen, sehr nah und intensiv und teilweise auch schmerzlich.

Hittman erzählt ihren Film sehr natürlich, etwas trüb und ohne große Sensationen. Vom Stil fühlte ich mich ob des Naturalismus an die Dardenne-Brüder erinnert. Die Atmosphäre ist so drückend und bedrückend, dass die schweigsamen Momente zwischen den Teenagern fast dokumentarisch wirken und sie suggerieren, dass sich die beiden kennen; und zwar so gut, dass Worte schlicht überflüssig sind. Frauen helfen Frauen und das Thema „Mein Körper, mein Recht“ könnte aktueller kaum sein. Der Film zeigt, wie sehr eine Frau – bis in die heutige Zeit – für ihr Recht kämpfen muss und das Sexismus und Demütigungen bis in die tiefsten Windungen unserer Welt zugegen sind. Es rücken einem die Männer schonmal ungefragt in den eigenen Tanzbereich oder sie sind zwar bereit (und dabei selbstherrlich genug) den Frauen zu helfen, aber keinesfalls uneigennützig und ohne Gegenleistung.

Als ich den Trailer zum Film das erste Mal sah, habe ich mich gefragt, was es mit dem Titel auf sich hat. Never Rarely Sometimes Always verrät dem Zuschauer dieses Geheimnis im zweifellos starken Höhepunkt des Films. Hier zeigt Schauspielneuling Sidney Flanigan wie ihre Vergangenheit beginnt durchzubrechen, in dem sie die Fragen der Arzthelferin beantworten muss. „Bitte beantworten sie die folgenden Fragen mit ‚Niemals, selten, manchmal, immer'“. Der Song, den Autumn zu Beginn des Films singt, wird in diesem Moment biografisch. Sehr berührend und brutal.

Céline Sciamma, Autorin und Regisseurin von Portrait of a Lady on Fire aus dem Jahre 2019, sagte einmal in einem Interview, dass in keinem Museum Abtreibungen je eine große Rolle spielten. Auch heute behandelt man das Thema nach wie vor stiefmütterlich. Gynäkologen dürfen nicht in Bezug auf Schwangerschaftsabrüche „werben“ und nach wie vor wollen andere Menschen den Frauen diktieren, ob sie abtreiben dürfen/sollten oder nicht. Für einige Betroffene hat der Herzschlag des Babys bei der Sonografie nichts magisches und damit geht Never Rarely Sometimes Always so angenehm ehrlich, unpathetisch, schnörkellos, realistisch um und ist ebenso sorgsam recherchiert.

Dieser wunderbare und ruhige Film wurde von Frauen, mit Frauen und über Frauen erschaffen, aber keineswegs sollte er nur ebendiese erreichen. Er ist für alle Geschlechter gedacht, denn das Thema geht uns alle an und gehört noch viel mehr in unseren Fokus. Nur eines hat mir im Film tatsächlich gefehlt: Ein einziger guter Mann. Nicht einer kommt im Film gut weg. Ich konnte nicht ergründen, ob das klare Absicht oder doch unbewusst geschehen ist. So ganz möchte ich nicht darüber hinwegsehen, wirkt es doch zu kalkuliert im politischen Bezug.


Titel: Niemals Selten Manchmal Immer
Originaltitel: Never Rarely Sometimes Always
Land/Jahr: USA & UK; 2020
FSK: 6 Jahre
Länge: 101 Minuten
Screenplay & Regie: Eliza Hittman
Cinematographie: Hélène Louvart
Cast: Sidney Flanigan, Talia Ryder, Ryan Eggold