Scenes from a Marriage 2021

Bewertung: 4.5 von 5.

Ohne das Original zu kennen, bemerkt man sehr schnell, dass man es hier mit einem modernen und hochwertigen Remake zu tun hat. Die Besetzung ist bis in die kleinste Nebenrolle perfekt, auch wenn man es hier zu 95% nur mit Jessica Chastain und Oscar Isaac zu tun hat. Beim Original von Ingmar Bergman wurden noch die typischen Rollenbilder verwendet, die Frau wird natürlich vom Mann betrogen, anders war es in den Siebzigern auch nicht denkbar. In der Neufassung ist die Frau jene, welche ausbricht.

Scenes from a Marriage 2021 ist genau das, was Marriage Story gerne gewesen wäre, aber nicht ist. Während Marriage Story sich teilweise in unerträglicher Theatralik verliert, kommt Scenes from a Marriage 2021 mit glaubhaften Emotionen aus, die teilweise unfreiwillig komisch, ernst und gewaltig sind. Unnötig war tatsächlich nur das Feature, dass der Betrachter vor jedem neuen Akt von der Produktionssicht in die Szene geschmissen wird. Ich vermute, dass sollte eine gewisse Distanz zum Geschehen erzeugen, aber wir wissen natürlich alle, dass die ganze Show hier reine Fiktion ist, auch wenn es fantastisch und authentisch dargestellt ist.

Isaac und Chastain treten in große Fussspuren, im Original lies Bergman sein Paar von Liv Ullmann und Erland Josephson spielen, eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Chastain und Ullmann kann man hier kaum leugnen. Aussergewöhnlich brillant gespielt und ausgestattet, ich würde mich nicht wundern wenn es hier einen Golden Globe für beide geben würde. Scenes from a Marriage von Ingmar Bergman aus dem Jahre 1974 ist vermutlich der Grund, warum es Filme wie Before Sunrise sowie dessen Nachfolger und Carnage gibt. Man muss vor allem Zuhören können und das lange, es wird mehr gesprochen als in jedem Tarantino Film.

Wer sich nicht für die Probleme von gut situierten Amerikanern interessiert, für den dürfte es eventuell schwierig werden. Aber für den wäre es vielleicht ausreichend, ein modernes Kammerspiel mit zwei erstklassigen Darstellern zu sehen, die sich und ihre Ehe hinterfragen und neu bewerten.


Titel: Scenes from a Marriage
Alternativtitel: Scenes of a Marriage
Land/Jahr: USA; 2021
Länge: Miniserie, 5 Episoden je 60 Minuten
Screenplay: Ingmar Bergman, Hagai Levi, Amy Herzog
Regie: Hagai Levi
Cinematography: Andrij Parekh
Musik: Evgueni und Sacha Galperine
Cast: Jessica Chastain, Oscar Isaac, Nicole Beharie, Corey Stoll

Titelfoto: © Jojo Whilden/HBO

Stillwater

Bewertung: 3 von 5.

Stillwater hängt an einigen losen Enden und das macht ihn leider nur mittelmäßig. Der Film schleppt sich durch seine Überlänge und versucht so viele Themen abzuhandeln, dass ich zwischendurch nur den Kopf schütteln konnte, obwohl er so gut begonnen hat. Der Hauptplot von Stillwater gerät im Laufe des Films fast in Vergessenheit, da wir im Grunde dabei zusehen, wie Matt Damons Charakter eine Katarsis erfährt, während seine Tochter Allison, erschreckend schwach gespielt von Abigail Breslin, im Gefängnis sitzt. Matt Damon zeigt hier alles was er kann, als Amerikaner der Trump Ära wirkt er wie ein Fremdkörper in Frankreich, sein Schauspiel ist subtil und stoisch, Damon füllt die Rolle mit seinem kompletten Können aus.

Die wahre Perle des Films ist aber eindeutig Marseille, Frankreich als Hauptschauplatz und die charismatische Camille Cottin und die bezaubernde Lilou Siauvaud. Die beiden liefern ein lebendiges und frisches Schauspiel, wie ich es meist nur von den Franzosen kenne und hier punktet der Film ohne Ende. Die Chemie zwischen den beiden Darstellerinnen und auch die Verbindung zu Damon fühlen sich natürlich und glaubwürdig an. Hier hätte der Film Potenzial gehabt, wirklich nett zu seinen Figuren zu sein und zu wachsen, aber das passierte leider nicht. Stattdessen werden alle Karten des Scheiterns ausgespielt und das auch noch recht vorhersehbar.

Stillwaters Problem ist tatsächlich auch, dass er sich an den wahren Fall von Amanda Knox lehnt, was insofern problematisch ist, weil der Hauptplot sich genau an dem Verschwörungsmythos hält, gegen den Knox nun schon jahrelang ankämpft. Sie ist nach langer Haftstrafe unschuldig freigesprochen worden und sie hat beteuert, mit dem ermordeten Opfer keine sexuelle Beziehung gehabt zu haben. In der Presse wurde damals ein Bild gezeichnet, dass sich wilde Sexspielchen in der Nacht des Mordes abgespielt haben und Knox ein sexuelles Verhältnis zur Ermordeten gehabt haben soll. Der Film aber vermischt Fiktion und Tatsache auf eine merkwürdige Art und übernimmt Eigenschaften von McCarthy’s Drama Spotlight – Aufdeckung auf eigene Faust und natürlich gab es ein sexuelles Verhältnis, mir doch egal wie es wirklich war, wir machen hier einen Film! – Nachvollziehbar ist das rein auf empathischer Ebene für mich nicht.

Es hätte Stillwater insgesamt einfach besser gestanden, er würde nicht die ewige Leier von „Das Leben ist brutal“ singen, denn auch wenn es stimmt, haben so alle der Figuren die Chance verpasst, wirklich etwas zu gewinnen. Traurig.


Titel: Stillwater
Alternativtitel: Stillwater – Gegen jeden Verdacht
Land/Jahr: USA; 2021
FSK: 12 Jahre
Länge: 139 Minuten
Screenplay: Thomas Bidegain, Noé Debre, Tom McCarthy
Regie: Tom McCarthy
Cinematography: Masanobu Takayanagi
Musik: Mychael Danna
Cast: Matt Damon, Abigail Breslin, Camille Cottin, Lilou Siauvaud, Deanna Dunagan

Titelfoto: © Universal Pictures International Switzerland

Ich bin dein Mensch

Bewertung: 4 von 5.

Hat mir sehr gefallen. Intelligentes Drehbuch, präzise Regie. Dem Film gelingt es zwischen Science Fiction und Komödie, bis hin zur kitschlosen Romanze zu balancieren und eine Atmosphäre für den Zuschauer zu kreieren, die sowohl unterhaltend als auch den Willen zur Selbstreflektion bildet.

Der Film stellt interessante Fragen, die nach dem Sehen im Kopf bleiben und man sich selbst fragt, was man wollen würde und was nicht. Das Thema an sich ist nicht neu und wurde schon in verschiedenen Unterhaltungsmedien behandelt. Ist ein Roboter in der Lage unsere Bedürfnisse so abzudecken, dass man vergessen kann, dass alles eine reine Simulation ist? Brauchen wir um glücklich zu sein ein kompatibles Gegenüber oder ist die eigentliche Quelle des Glücks gar nicht programmierbar?

Maria Schrader inszenierte einen Film über Abhängigkeiten, gescheitere Beziehungen und die Fruchtbarkeit des wichtigen Dialogs. Dan Stevens überzeugte hier auf ganzer Ebene als charmanter Androide, lässt aber seiner Kollegin Maren Eggert viel Raum einen starken Gegenpol zu bilden und der gegenseitigen Chemie freien Lauf zu lassen.

Ich bin dein Mensch bildet ein für sich gegebenes Fazit, wonach sich der Zuschauer selbst ein eigenes bilden kann. Es gibt 2-3 Punkte im Drehbuch, wo die Nachvollziehbarkeit etwas fraglich ist, was aber in der Summe kaum Relevanz hat.


Titel: Ich bin dein Mensch
Alternativtitel: I’m your man
Land/Jahr: Deutschland; 2021
FSK: 12 Jahre
Länge: 108 Minuten
Screenplay: Jan Schomburg, Maria Schrader
Regie: Maria Schrader
Cinematography: Benedict Neuenfels
Musik: Tobias Wagner
Cast: Dan Stevens, Maren Eggert, Sandra Hüller, Hans Löw, Wolfgang Hübsch, Annika Meier

Titelfoto: ©Christine Fenzl/Majestic

A Quiet Place Part II

Bewertung: 4 von 5.

Nicht ganz so gut wie das Original, hat aber Spaß gemacht.

Was mich allerdings sehr störte war, dass diese gewisse Familiendynamik so wahnsinnig bräsig und konservativ konstruiert wurde. Warum man nun mit Cillian Murphy (ich mag ihn) eine neue männliche Leitfigur im typischen Heldenstil einführt und man Emily Blunt in der alten mütterlichen Rolle kleben lässt, ist mir schleierhaft. Die Tochter war etwas zu taff, der Sohn etwas zu passiv. 

Gut gefallen hat mir, dass das Baby in schmerzhafte Gefahr geriet und man davor nicht zurückschreckte. Krasinski hat ein Gespür für Spannungs- und Horrorbalance, auch wenn er manchmal zu alten Hausmitteln greift. 

Ich vermute, es wäre für mich besser gewesen, man baute die bisherigen Figuren weiter aus, das betrifft vor allem Emily Blunt. Ansonsten funktioniert das mit der Stille auch nach wie vor gut und das Monsterdesign ist klasse, auch wenn es nicht sehr abwechslungsreich ist. Part II hat mit Sicherheit etwa 100 Lines mehr an Text und wirkt auch ganz typisch für eine Fortsetzung etwas aufgeblasener. 

Ich freue mich auf den Dritten, der dann hoffentlich etwas weniger stiefmütterlich sortiert ist.


Titel: A Quiet Place Part II
Originaltitel: A Quiet Place Part II
Land/Jahr: USA; 2020
FSK: 16 Jahre
Länge: 97 Minuten
Screenplay: John Krasinski
Regie: John Krasinski
Cinematography: Polly Morgan
Musik: Marco Beltrami
Cast: Emily Blunt, John Krasinski, Cillian Murphy, Millicent Simmonds, Noah Jupe

Titelfoto: ©Paramount Pictures

Petite Maman

Bewertung: 2 von 5.

Es fällt mir etwas schwer, einen Film von Céline Sciamma weniger zu mögen als ihre früheren Werke. Die Idee, welche man schon in der Synopsis lesen konnte, empfand ich als interessant und voller Ideen. Ein Mädchen triff auf ihre Mutter im kindlichen Alter.

Das liest sich erstmal interessant und tief und möglicherweise witterte man auch etwas Geniales aus der berühmten Feder. Sciammas Werke galten für mich bisher als Kino der Extraklasse. So kreativ, wie sie das Drehbuch von Mein Leben als Zucchini schrieb. Ihr erstes Werk nach ihrem Studium Waterlilies, dem sie zu Beginn nichts zutraute und den Film dann doch drehte und der zu einem der besten Coming-of-Age Filme aus Frankreich avancierte. Weitere Werke wie Girlhood und Tomboy waren sowohl technisch als auch narrativ schlichte Geniestreiche, besonders weil Sciamma mit Tomboy einen Film fast ausschließlich mit Kindern kreierte, die authentisch und spielerische Ernsthaftigkeiten transportierten. Und zuletzt natürlich der Überfilm schlechthin Portrait of a Lady on Fire, der es bis zu einer Nominierung nach Hollywood schaffte und schlussendlich an Parasite scheiterte.

Petite Maman versagte bei mir nahezu, auch wenn ich durchaus in der Lage war, Sciammas Handschrift zu erkennen. Der Film funktioniert sicherlich um einiges besser, wenn man die Synopsis nicht kennt, denn in meinem Kopf formte sich eine Erwartung, die der Film nicht erfüllen konnte. Es ist unverkennbar, dass Petite Maman wahrscheinlich ein sehr persönlicher Film der Drehbuchautorin und Regisseurin ist, dem ich schwer folgen konnte, vor allem deshalb, weil einfach so wenig passierte, was mich beschäftigte. Ich litt zum Teil an seinen Banalitäten, obwohl ich erkennen konnte, dass wahrscheinlich mehr dahinter steckte. Quälende Einstellungen in leere Zimmer, ein schweigendes Frühstück, knappe Dialoge und generell zu wenig Ausstattung und Inhalt. Von allen Möglichkeiten war einfach zu wenig vorhanden.

Ich hätte an Scimmas Stelle die Rolle der beiden Mädchen vertauscht, denn der Charakter Marion (Gabrielle Sanz) war darstellerisch besser als Nelly (Joséphine Sanz), die den etwas umfangreicheren Part inne hatte. Die Nebenfiguren, die Eltern, die Großmutter boten keine Tiefe, was vermutlich verständlich ist, wenn es hauptsächlich um die beiden Mädchen geht. Vor allem zum Ende hin waren die beiden Kinder so reif wie Erwachsene, die nun die Erwachsenen besser verstehen. Nelly versteht nun ihre (große) Mutter (Nina Meurisse) mehr als diese sich selbst. Die eigentliche Begegnung hatte nichts magisches für mich zu bieten, ich wartete 72 Minuten auf Erleuchtung und sie wollte einfach nicht eintreten. Auch dann nicht, als Sciamma die einzige Partitur gegen Ende aufdrehte, den Score von Para One, der bislang in fast allen Sciamma Werken zu hören war und langsam aber sicher auf mich überdosiert wirkt. Ich mag das zwar, ganz ehrlich, aber es zieht einfach nicht mehr bis zur Gänsehaut.

Petite Maman ist fälschlicherweise als Kinderfilm beworben worden, ein Familienfilm sollte es sein. Das ist vermutlich die größte Lüge überhaupt. Kinder werden diesen Film von sich aus nicht verstehen und sie werden wahrscheinlich auch innerhalb der ersten 30 Minuten einschlafen oder sich mit anderen Dingen beschäftigen. Es ist eher ein Film, der uns nachdenken lässt, wie wir zu unseren eigenen Eltern stehen, wie wir sie sehen und hinterfragen.

Alle positiven Reviews die ich im Vorfeld las, konnte ich nach der Sichtung nicht mehr glauben. Auf der Berlinale gewann der Film keine Preise und auch den Publikumspreis hat Petite Maman nicht erhalten. Für mich nachvollziehbar. Den professionellen Kritikern scheinbar nicht. Was bleibt ist für mich auf einen neuen Céline Sciamma Film zu hoffen, der mich wieder begeistern kann. Denn das kann sie nämlich üblicherweise.


Titel: Petite Maman
Originaltitel: Petite Maman
Land/Jahr: Frankreich; 2021
Länge: 72 Minuten
Screenplay: Céline Sciamma
Regie: Céline Sciamma
Cinematography: Claire Mathon
Musik: Jean-Baptiste de Laubier (Para One)
Cast: Joséphine Sanz, Gabrielle Sanz, Nina Meurisse, Stéphane Varupenne, Margot Abascal

Titelfoto: ©Lilies Films

The Father

Bewertung: 5 von 5.

»I want my mommy…«

The Father fühlte sich für mich so an, als hätte der Film auf mich gewartet. Struktur, Stil, Script – das hätte auch ein Michael Haneke sein können. Ich fühlte mich teilweise an Amour von ihm erinnert, einige Elemente gleichen sich sehr und die Tatsache, dass es bei einem überschaubaren Ensemble bleibt, welches sich hauptsächlich in einer Wohnung trifft, passt einfach.

Aufgrund persönlicher Erfahrungen weiß ich, dass The Father noch nicht weit genug geht. Der Film macht die Verwirrung lebendig, wir bleiben fast ausschließlich bei Anthony, wir sehen Verdruss, Furcht, Aggression. Aber auch das der Angehörigen. Wir wissen nie, was wahr ist – oder wer, wenn Charaktere kommen und gehen und verschiedene Namen und Identitäten annehmen, je nachdem, wie er sie erkennt. Alles ist flüchtig und doch fühlt sich jeder einzelne Moment wichtig und real an.

Das Produktdesign ist gezielt großartig und der Film schafft es mit einigen visuellen Veränderungen des Umfelds ein Gefühl der Größe zu entwickeln. Florian Zellers Debüt ist in allen Belangen sehr sauber, es riecht nach Wohlstand und existenzielle Ängste sparrt der Film aus. Was auch fehlt, um die Sache wirklich komplett zu machen ist der parelle körperliche Verfall der Erkrankung. Die Demenz ist kaum nur rein geistig, was den Zustand natürlich noch verschlimmert, aber in der Hinsicht bleibt The Father subtil. Dennoch schafft es der Film den ständig verändernden Geist Anthonys so darzustellen, dass man sich der Handlung kaum entziehen kann. Der sehr zurückhaltende Score von Ludovico Einaudi bleibt hier sehr bedeckt und es lässt sich auch sagen, dass wir uns hier nicht an einem Melodram anlehnen.

Der gesamte Film wäre nur halb so gut ohne sein Ensemble. Wir werden hier von einem erstklassigen Duo eingenommen, Olivia Colman und Anthony Hopkins. Er ist brillant, weil er sich bemüht, durch diese trübe Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart zu navigieren. Seine Technik hat eine überwältigende Genauigkeit, da er eine breite Palette von Gefühlen und Emotionen vermitteln muss, aber auch eine Weichheit und Offenheit. Es ist eines der absolut besten Werke von Hopkins‘ langer und berühmter Karriere. Colman steht ihm als seine Tochter Anne gegenüber, deren Rolle es ist, für Beständigkeit und Stabilität zu sorgen, auch wenn sie am liebsten in sich zusammenfallen würde, wenn sie gequält zu lächeln versucht, während ihre Augen unter Tränen stehen. Alle Leistungen, die ich bisher von Colman sah, waren enorm.

Ich bin mir sicher, dass The Father leider nicht die Preise erhalten wird, die er eigentlich verdient hätte. Ich würde Hopkins tatsächlich hier den Oscar überlassen, aber wir wissen alle, dass der Post-mortem-Oscar stets siegt. Dieser Film trifft den Ton um einiges besser als der jüngste Film über Demenz Supernova. The Father zeigt einen großen Teil der Demenz, noch mehr wäre wahrscheinlich auch an Grausamkeit etwas zu viel. Florian Zeller hat hier ein extrem gutes Maß getroffen. Feinfühlig, sanft und scharf schneidend wie ein Bajonett.


Titel: The Father
Originaltitel: The Father
Land/Jahr: UK; 2020
Länge: 98 Minuten
Screenplay: Florian Zeller, Christopher Hampton
Regie: Florian Zeller
Cinematography: Ben Smithard
Musik: Ludovico Einaudi
Cast: Anthony Hopkins, Olivia Colman, Imogen Poots, Rufus Sewell, Olivia Williams, Mark Gatiss

Titelfoto: Sundance Film Festival

The World to Come

Bewertung: 4 von 5.

»When the day is done, my mind turns to her and I think, why are we to be separated?«

Es ist 1856 und Abigail (Katherine Waterston) und ihr Ehemann Dyer (Casey Affleck) leben auf einer Farm, die immer schwieriger zu bearbeiten ist, da die Jahreszeiten auf dem von ihnen gewählten Stück Land jedes Jahr brutaler werden. Sie haben ein Kind an Diphtherie verloren und scheinen sich nie gänzlich davon erholt zu haben. Die tägliche Monotonie ist des Paares Weg, ihre Trauer zu bekämpfen.

Abigail erzählt The World to Come und in ihrem melancholischen Monolog wird sie lebendig. In ihrer Erzählung ist Abigail selbstbewusst und poetisch und macht Feststellungen wie „Contentment was like a friend he never gets to see“ über Dyer und „I have become my grief“ über sich. Es ist diese gesteigerte literarische Qualität der reichhaltigen Erzählung, die uns durch den Film begleitet. Ich habe mich schnell mit dieser Poesie und der Art und Weise der Erzählung vertraut machen können. Mona Fastvold’s Film ist eine dieser betörenden Leidenschaften, die aus einem inneren Monolog auf die Leinwand entlassen werden.

Dieser Leidenschaft verfällt Abigail, als sie auf ihre neuen Nachbarn Tallie (Vanessa Kirby) und Finney (Christopher Abbott) trifft. Tallie ist der extrovertierte Gegenpol von Abigails Introvertiertheit und sie sieht Abigail so an, wie sie es noch nie in ihrem Leben erlebte. Die beiden kommen sich näher und verbringen die Tage miteinander und irgendwann haben sie eine Verbindung, die schließlich physisch und leidenschaftlich wird. The World to Come entfaltet sich in Szenen nahezu konstanter Erzählungen, von denen man annehmen muss, dass sie größtenteils aus dem Ausgangsmaterial stammen. Es soll der Eindruck erweckt werden, dass wir Abigails Tagebücher lesen, die möglicherweise Jahrzehnte nach dem Tod dieser Charaktere gefunden wurden und wir die Geschichte dieser tiefen Begegnung an der amerikanischen Grenze entdecken.

Katherine Waterston trägt das Gewicht des gedankenintensiven Films, da fast alles aus ihrer Sicht erzählt wird. Ihr gegenüber steht die flammenhaarige Vanessa Kirby, welche die Liebesbeziehung anfangs noch vorantreibt und es entsteht zwischen ihnen eine gelungene und erotisch anmutende Performance. Der Film wird im Ganzen von einem starken Quartett gespielt und diese kleine Geschichte kann durch sie so groß wie die Welt wirken. Hervorhebend möchte ich auch den schweren aber schönen Score von Komponist Daniel Blumberg, der immer wieder Waterstons Voice Over mit Holzbläsern und Streichern unterstützt, die Ödnis der Umgebung einsaugt und sowohl lieblich, als auch bedrohend wirken kann.

Angesichts der wachsenden Verbreitung dieses Subgenres mit sapphischen Romanzen, ist es vielleicht nützlich im Zusammenhang zu bemerken, dass The World to Come nicht das Gefühl der weiblichen Befreiung besitzt, welches beispielsweise tief in Portrait of a Lady on Fire zu spüren ist. Muss es auch nicht zwangsläufig, aber auch das jüngste Werk von Francis Lee Ammonite, in dem noch zusätzlich das Gewicht der gesellschaftlichen Belastung dargestellt wurde, verfolgte neben der Romanze noch weitere Ziele in seiner Erzählung. Das diese Ebene hier ausbleibt ist nicht verwerflich, macht die Handlung aber merklich einfacher und weniger nachhaltig.

Das sehr depressive Ende fühlte sich für mich in den abschließenden Momenten wie ein leiser Verrat an den beiden verliebten Frauen an, deren Privatsphäre der Film bis zum Finale bewahrt. Eine intime Erinnerungsmontage nach einer schmerzhaften Tragödie wertet die vor allem durch gegenseitigen Respekt, intellektuelle Bindung und Begierde etwas ab, auch wenn ich es zugegebenermaßen sehr berührend, ästhetisch und schön fand.

The World to Come reit sich meiner Meinung nach gebührend in die Reihe der LGBTQ-Filme der letzten Jahre ein, die mich sehr bewegt und mitgerissen haben.


Titel: The World to Come
Originaltitel: The World to Come
Land/Jahr: USA; 2020
Länge: 98 Minuten
Screenplay: Ron Hansen, Jim Shepard
Regie: Mona Fastvold
Cinematography: André Chemetoff
Musik: Daniel Blumberg
Cast: Katherine Waterston, Vanessa Kirby, Carey Affleck, Christopher Abbott

Titelfoto: Toni Salabasev/Bleecker Street

Capernaum – Stadt der Hoffnung

Bewertung: 5 von 5.

Diesen Film zu sehen ist eine Folter und gleichzeitig auch eine Offenbarung und Anklage an das Leben. Zain ist 12 Jahre alt, aber sein Geist ist schon so reif, weil sein ganzes Leben bisher daraus bestand, zu kämpfen und sich mit erlernter Sozialkompetenz irgendwie durchzuschlagen. Auf irgendeine Weise gelang es ihm, sich nicht von der Hölle einnehmen zu lassen, in die er hineingeboren wurde. Zain ist noch ein Kind, aber er fühlt seine Gefühle tief und rein und er weiß instinktiv, was richtig und falsch ist. Er ist mutig und sich seiner selbst sehr bewusst.

Die Kinderschauspieler waren alle fantastisch, ich glaube, ich habe noch nie bessere gesehen.

Es gibt so viele verlorene Leben und mit diesem Film inhaliert man den gesamten Schmerz dieser Welt. Die Themen von Mutterschaft, Verlust, Patriarchat, Brutalität, Humanismus und Antihumanismus werden hier vereint und schneiden mit jeder Filmminute tiefere Wunden. Jeder braucht eine Identität, einen Namen. Zain hat diese mehr als jeder andere verdient, aber seine Erlebnisse werden ihn für immer prägen.

Wenn ich könnte, würde ich jeden dazu zwingen wollen, sich diesen Film anzusehen. Man kann aus ihm lernen, mit ihm leiden und auch hoffen. Was Regisseurin Nadine Labaki und ihr Team in mehr als 6 Jahren hier erschaffen haben, ist mehr als beeindruckend und für mich unvergesslich.

Dieser Film wendet sich an das ganze System, das die Kinder im Libanon im Stich lässt und stellt uns alle vor Gericht, die das ohne Gegenwehr zulassen.

Meine absolute Empfehlung!


Titel: Capernaum – Stadt der Hoffnung
Originaltitel: Capharnaüm
Land/Jahr: Libanon; 2018
FSK: 12 Jahre
Länge: 126 Minuten
Screenplay: Nadine Labaki, Jihad Hojeily, Michelle Keserwany, Georges Khabbaz, Khaled Mouzanar
Regie: Nadine Labaki
Cinematography: Christopher Aoun
Musik: Khaled Mouzanar
Cast: Zain Al Rafeea, Yordanos Shiferaw, Boluwatife Treasure Bankole, Kawsar Al Haddad, Fadi Yousef, Cedra Izzam, Nadine Labaki (Zains Anwältin)

Nomadland

Bewertung: 5 von 5.

»One of the things I love most about this life is that there’s no final goodbye. I’ve met hundreds of people out here, and they don’t ever say a final goodbye. They’ll just say, “I’ll see you down the road.” And I do. I see them again. And I can be certain in my heart, “I’ll see you again.” «

Fern (Frances McDormand) betrauert ein Leben, welches sie bitter verloren hat. Sie war in Empire, einer amerikanischen Kleinstadt, einst glücklich. Als die Gipsfabrik dieserorts geschlossen wurde, schloss auch die Stadt buchstäblich mit. Innerhalb von sechs Monaten wurde der ganze Abschnitt mitsamt Postleitzahl beseitigt. Genau in dieser Zeit starb auch Ferns Ehemann Bo und sie blieb zurück. Ferns Vergangenheit wird visuell nie reflektiert, wir erfahren alles in ihren Erzählungen. Wir kehren öfter dahin zurück.

Fern sagt selbst über sich, sie sei nicht obdachlos, sondern hauslos. Sie macht sich auf die Suche nach Arbeit in einem Amazon-Logistik-Zentrum und beginnt, in ihrem Van zu leben. Irgendwann fügt sie sich in einer Gruppe moderner Nomaden ein, Menschen, die manchmal provisorische Gemeinschaften bilden. Sie unterhält sich mit ihnen, lacht mit ihnen, aber Fern nimmt immer wieder Abschied und bereist die amerikanischen Landschaften. McDormands Figur ist das Zentrum von Chloé Zhao’s wundervollen Film Nomadland und er erzählt Geschichten über Abschiede und Verluste, aber auch darüber, wie sich Menschen begegnen und sich gegenseitig sehen und erkennen. Es ist ein Film, der Poesie im Leben einer scheinbar abgeklärten Frau findet und der abwechselnd so traumhaft ist, weil er die Schönheit eines Landes einfängt und der auf Geschichten von Personen basiert, die wir normalerweise in Filmen nicht sehen. Ich liebe einfach alles daran.

Filmemacher neigen meist dazu, ihre Charaktere zu beurteilen und zu sortieren. – ‚Das ist der Gute, hier ist der Böse.‘ – ‚Hier ist die Scheue, da ist die Forsche.‘ – ‚Hier ist das, was getan werden muss‘ – ‚hier ist endlich das gute oder traurige Ende, über das dann alle reden müssen, können, sollen.‘ – Zhao’s Drehbuch macht das auf wundersame Weise nicht. Wir begleiten Fern nicht um zu schauen, wie sie irgendeine Mission erfüllt. Wir sehen ihr auch nicht dabei zu, wie sie Erlösung findet oder wie sie sich wieder glücklich in jemanden verliebt. Es gibt Liebe in diesem Film, aber sie wird hier nicht auf einen bestimmten Menschen reduziert oder gezwängt. Es ist der erste Film den ich sah, in dem sich die Liebe tatsächlich frei anfühlte. Zhao drückt auch keine Knöpfe um uns die Stimmungen von Einsamkeit und Melancholie von Fern spürbar zu machen. Vielmehr appelliert der Film an unser eigenes und echtes Einfühlungsvermögen und es ist fast so, als verdiene sich Nomadland die Emotionen ganz von selbst, weil es hier nicht um Logik oder um menschliches Verlangen geht, der man irgendwie auf den Grund gehen muss. Es geht nur um das pure Sein.

Natürlich wäre all das unmöglich zu erreichen, wenn hier eine noch viel jüngere oder unerfahrenere Schauspielerin als Frances McDormand alles verankern würde. Durch sie sehen wir diese Welt, die Sonnenaufgänge und die Abenddämmerungen, die Wellen, die Menschen, sie spielt Fern subtil und raffiniert – eigentlich ein Selbstläufer, sie verschmilzt fast in diesen Karten. Wenn die Natur ruft und der Van gibt auf die Schnelle nur einen Eimer her, dann lässt Frances es einfach laufen. Schlicht großartig!

Fern ist eine komplexe Frau, die sich bis zu einem gewissen Grad selbst sabotiert, aber auch sehr warmherzig und offen gegenüber ihren Mitmenschen ist. Sie findet überall Freunde, wie die Frauen, mit denen sie zu einer Wohnmobil-Ausstellung geht oder den jungen Mann, dem sie ein Feuerzeug schenkt. Frances McDormand macht so viel mit ihren Augen und einem ironischen Lächeln. Sie wirkt von sich aus schon wie ein Kumpel, mit der man über sarkastische Witze lachen könnte, so natürlich liebenswert. Wir sehen ein ganzes Leben in dieser Aufführung. Jeder Schlag und jede Wahl hat eine Geschichte. Es ist einer der besten Auftritte der Schauspielerinnen ihrer Generation.

Und Cloé Zhao passt zu dem, was sie von McDormand geliefert bekommt. Zhao hat erstaunliche technischen Fähigkeiten. Sie trifft sich wieder mit Joshua James Richards, jenem Kameramann, der auch schon in The Rider zugegen war. Das Team findet die Schönheit in den Weiten der amerikanischen Landschaften und Zhao und Richards lehnen sich mit langen Einstellungen des Horizonts in die Welt. Die meisten Szenen scheinen zur magischen Stunde gedreht worden zu sein, das Licht und die Farben wirken sehr natürlich. Nomadland ist ein wunderschöner Film, ihn zu sehen ist ein Erlebnis, aber er ist nicht nur eine Abfolge von traumhaften Panoramen. Alles an der visuellen Sprache ist auffällig – zum Beispiel wie Richards und Zhao die Kamera langsam mit Fern durch eine Gemeinschaft von Van-Bewohnern gleiten lassen. Das konnte mich total abholen und ich habe mich in diesen Augenblick schlicht verloren. Es ist schwer herauszufinden, wie Zhao diesen Film gemacht hat, der in seinen Kompositionen so schön ist und sich irgendwie immer noch so anfühlt, als wäre er auch hart, dreckig und beschwerlich. Die passende Partitur von Ludovico Einaudi begleitet uns zeitweise und wirft Momente ein, die vor allem dem audiovisuellen Genuss dienen, welche die Poesie von Nomadland noch verstärken.

Die meisten Menschen, auf die Fern unterwegs trifft, sind keine Schauspieler. Es sind Menschen, die dieses Leben auf der Straße tatsächlich führen. Das einzig mir bekannte Gesicht neben McDormand gehörte David Strathairn. Der Film begründet sich vor allem auch darin, dass Ferns Gespräche und Interaktionen eine improvisierte und natürliche Qualität besitzen. Die Nomaden erzählen zum Teil sehr persönliche Geschichten – über Krankheit; über den Tod; wie es ist, dieses Land fast besitzlos zu bereisen. Sie geben Tipps, wie man ein sicheres Leben auf der Straße führt und unterstützen sich gegenseitig auf eine Weise, wie es Nachbarn mit traditionellen Häusern selten tun. Nomadland ist mehr als nur ein Porträt einer widerstandsfähigen Frau, er erinnert uns auch daran, wie viele Menschen da draußen Geschichten zu erzählen haben und wie viele unserer Träume unerfüllt bleiben. Und trotzdem wälzt sich der Film niemals in Trauer, Elend oder Verdruss.

Aber dennoch ist Traurigkeit immer da und begleitet Fern auf jeder zurückgelegten Meile. Man sieht sie manchmal im Lächeln von McDormand, wenn sie jemanden von seinem verlorenen geliebten Menschen sprechen hört. Sie denkt wahrscheinlich an ihren Ehemann. Wir sind vielleicht nicht alle in der Lage, uns direkt auf die Kämpfe von Fern zu beziehen, aber wir können alle dieses Gefühl von Unsicherheit spüren.

Ich interpretiere Nomadland als die Geschichte einer Frau, die vor Trauer davonläuft und alles, was sie sich noch von diesem Leben erwartet und erhofft, nicht mehr in der eigentlichen Gesellschaft festzumachen ist. Die Bilder dieses Films sind vielleicht auch die Antworten auf die Unruhen und Ängste vieler Menschen der letzten Jahre. Sie enthalten so viel Wahrheit und Schönheit über die einfachsten Dinge – das Lächeln eines Freundes, ein Kaffee bei Sonnenaufgang, ein Bad in einem Fluss, die freundliche Geste eines Fremden.


Titel: Nomadland
Originaltitel: Nomadland
Land/Jahr: USA; 2020
Länge: 108 Minuten
Buch: Jessica Bruder
Screenplay & Regie: Chloé Zhao
Cinematography: Joshua James Richards
Musik: Ludovico Einaudi
Cast: Frances McDormand, David Strathairn, Linda May, Swankie

Promising Young Woman

Bewertung: 3 von 5.

(Dieser Text enthält Äußerungen über sexuelle Gewalt und Spoiler.)


»Can you guess what every woman’s worst nightmare is?«

Ich bin mir bei diesem Film nicht sicher. Betrachtet man ihn aus verschiedenen Perspektiven kann man nur feststellen, dass er für viele Menschen überhaupt nicht funktionieren kann. Für einen kleinen Teil vielleicht doch. Ich persönlich bin geteilt und auch ein bisschen irritiert.

Cassie (eine unglaublich gute Carey Mulligan) verbringt ihre Tage damit Kaffee zu verkaufen und verwandelt sich nachts in eine betrunkene und hilfebedürftige Frau, um die Männer dazu zu bringen, die Situation auszunutzen und ihnen sodann ihr wahres und nüchternes Gesicht zu zeigen. Sie stellt die Männer in ihrem Vorhaben bloß und reißt ihnen die Maske des „edlen Gentleman’s“ vom Gesicht und agiert dabei so sicher und selbstbewusst, dass es für den Betrachter ungemein befriedigend ist. Cassie ist auf einem Rachefeldzug, mit einer anfänglich noch unklaren Motivation.

Sie versucht, auf diese Weise ihre beste Freundin Nina zu rächen, die vor sieben Jahren vergewaltigt wurde und anschließend Selbstmord begangen hat. Ein Mann zerstörte Ninas Leben und wurde nicht bestraft, weil er als ein „vielversprechender junger Mann“ angesehen wurde. Da die Machthaber keine Gerechtigkeit walten ließen, nimmt Cassie es auf sich, die Verantwortlichen zu bestrafen. Durch einen Zufall ergibt sich für Cassie die Gelegenheit, auf jene Menschen zu treffen, die sowohl aktiv als auch passiv an der Vergewaltigung beteiligt waren. Bis dahin stellt Mulligans Figur die fleischgewordene Wut der Ungerechtigkeit dar. Sie ist die Wut, die wir Menschen empfinden, wenn derartige Fälle nicht oder nur unzureichend aufgeklärt werden.

Promising Young Woman ist mit einer quietschigen, pinkfarbenen Ästhetik gezeichnet und zieht dieses Bild auch bis zum Ende durch. Fennell kreierte ein helles Bild einer verachteten Frau, die sich mit ihrer Weiblichkeit bewaffnet und diese auch als solche einsetzt. Alles, was Frauen verletzlich erscheinen lässt, gleicht einer Rüstung und dies erzeugt eine Stimmung, bei der nichts so ist, wie es scheint. Der Film stellt Cassie fortwährend als Racheengel von Nina dar, die sich selbst nach einer Katharsis sehnt, sie aber mit ihren Methoden nicht erreichen kann. Die Strichliste entlarvter Männer in Cassies Notizbuch ist lang, mehrere Dutzend hat sie entmächtigt, aber die Trauer und Wut mergelt sie aus und sie bringt sich selbst in Gefahr – Cassie verliert sich und das war für alle sichtbar.

Der Film handelt über Cassies Trauerentwicklung und ihre Freundin Nina schwebt wie ein Geist die ganze Zeit mit. Jede Bewegung, die Cassie macht, ist in Erinnerung an Nina. Jede Strafe wird wegen Nina verhängt. Alles dreht sich um Nina. Aber Ninas Stimme ist nie zu hören. Cassie spricht über sie, aber nicht mit ihr. Sie wird zu einer Konstruktion und einer Idee, auf die Cassie ihre gesamte Identität gestützt hat. Der Film setzt sich nicht mit den Folgen von Cassie auseinander, die sich ohne Ninas ausdrückliche Einwilligung als Racheengel betrachtet und berücksichtigt das „Konzept der Zustimmung“ nicht. Nina hat kein Mitspracherecht, ob dies denn das ist, was sie will. Was bedeutet es, die Rache eines anderen selbst in die Hand zu nehmen? Fennell geht über diese Frage hinweg, um Mulligans Figur wie Ninas Heldin erscheinen zu lassen. Und das ist sie ohne Zweifel. Das Bildnis des Engels in Rache findet sich sogar in visuellen Karten, der Rahmen des Bettes gleicht Cassies Flügeln.

So gut mir der Anfang des Films auch gefiel, so fragte ich mich später, warum die Folgen der potenziellen Täter zu Beginn des Films so mager ausfielen. Promising Young Woman zerfasert an dem Punkt, als der „Kreuzzug“ im Stil von Kill Bill mit Strichliste tatsächlich beginnt. Cassie bestraft Madison McPhee und Dean Walker, zwei passive Beteiligte im Vergewaltigungsfall von Nina, noch härter als die schmierigen Typen, welche sie in den Clubs überführt hat und die sich beinahe gefährlich an ihr vergriffen hätten. Madison wurde dazu verleitet zu glauben, abgefüllt und vergewaltigt worden zu sein und Dean Walker nimmt an, ihre minderjährige Tochter wird gerade sexuell angegriffen. Dass sie ihr Fett wegbekommen ist befriedigend und auch clever durchgeführt, aber es wirkt im Kontext des Anfangs inkonsistent. Sicher verengt sich in dem Zeitpunkt des Films die Schlinge um die Hälse der Mittäter, aber inzwischen ist auch Cassie eine Frau, die am eigenen Leib sexuelle Gewalt erlebte. Sie ist eine Überlebende, aber die Rache an Ninas Peinigern hat mehr Gewicht im Vergleich zu ihren eigenen. Der Film lässt von Beginn an wenig Platz für Cassies eigenes Trauma, über den Verlust und das Selbsterlebte.

Auf halbem Weg durch Promising Young Woman beginnt Cassie dann doch zu resetten. Sie begegnet Ryan (Bo Burnham) und erkennt, wie sie sich von dieser Tragödie verzehren lässt und dass das ein Ende haben muss. Die Szenen mit Burnham sind lustig charmant und in Carey Mulligan war ich an dieser Stelle bereits sehr verliebt, was ich eigentlich vermeiden wollte, aber nun. Ich wünschte mir, dass Cassie eine Pause und vielleicht auch ein wenig Heilung erleben durfte, weil der Film sich ein wenig mit einer gewissen Leichtigkeit tarnt, die er aber mit dieser Thematik nicht hat. Doch gerade als sie beginnt ihr Leben neu zu sortieren, lässt er das Trauma wiederkehren und Cassies Mission steuert auf ein vielversprechendes Finale zu.

Al Monroe, Ninas einstiger Vergewaltiger, gibt seine Junggesellenparty, glücklich verheiratet soll er bald sein und Cassie stellt erneut ihre Fallen auf, um den Täter zu brandmarken – ein Vorhaben, dass sowohl gefährlich ist, als auch eine Ermächtigung bringen könnte. Aber ich habe nicht die Rechnung mit Fennell’s Drehbuch gemacht, dass ab hier beginnt vollkommen zu zerfallen. Cassie wird von Al ermordet. Sie wird von ihm erstickt und alle Kraft, die das Drehbuch bisher hergab, wurde zunichtegemacht. Unsere Heldin steht schlussendlich in Flammen und Cassie wird nur noch auf ein Haufen Asche reduziert, die vom Winde verweht wird. Verbrannt von zwei vielversprechenden jungen Männern. Was bleibt ist nur eine trostlose Erinnerung daran, dass selbst die ultimative Selbstaufopferung keine Gerechtigkeit garantiert.

Für mich war Cassies Tod ein Nackenschlag, der mir suggerierte, dass Frauen die sexuelle Gewalt überlebten, keine Heilung im Sinne eines gesunden Neuanfangs führen können. Auch wenn Cassie, clever wie sie war, Vorkehrungen auf ihren Tod traf und ihre Möglichkeiten so ausschöpfte, dass Al Monroe trotzdem für den Mord in den Knast wanderte, so bleibt sie aber dennoch eine tote Frau. Fennell sagt schlussendlich mit ihrem Film, dass Überlebende nur Heilung erlangen, indem sie nicht mehr am Leben sind und das es zwei tote Frauen braucht, um einen Vergewaltiger und Mörder zu bestrafen. Der ganze Frust gegenüber diesem System und den patriarchalen Strukturen, der sich den Film über aufbaute, blieb mir bis weit nach dem Abspann im Halse stecken.

Ich wage es zu bezweifeln, dass viele Frauen, die selbst schon sexuelle Gewalt erlebten, diesen Film sehen werden. Auf den ersten Blick könnte man auch auf die Idee kommen, dass Cassie am Ende autonom war, da sie auch nach ihrem Tod noch befähigt war, zu handeln. Aber es ist grotesk anzunehmen, dass das irgendwie „cool“ ist, was am Ende passierte oder zu sagen, Fennell’s Film sei irgendwie empathisch mit dem Thema umgegangen. Frauen, die so etwas erlebten, führen dem Film nach ein Leben voller Leid und Fremdbestimmung, sind unfähig zur Flucht und Fantasie. Das ist grausam und ein Schlag ins Gesicht für alle Frauen, die alles versuchen, wieder Fuß zu fassen und sich wieder eine lebenswerte Zukunft erarbeitet haben.

Promising Young Woman zeigt dem Patriarchat nicht den Mittelfinger, wie man anfangs den Anschein hatte. Cassies Tod ist eine Ausstellung, ein Moment, der hauptsächlich dem Schockwert dient. Die Nachricht fühlt sich wie ein großes Achselzucken an und zeigt, dass die Suche nach Ermächtigung nutzlos ist, das System tatsächlich kaputt ist und es nicht viel zu tun gibt. Der Film ist keine Anklage gegen die Vergewaltigungskultur, aber er ist ein sehr gut gespielter, toll designter Thriller mit cleveren Ideen und einigen Hab-Dich-Momenten. Wenn man den Film nur eindimensional betrachtet, funktioniert das alles sicherlich gut. In anderen Fällen eher weniger.

Ich wünsche mir dennoch eine Chance auf einen Oscar für Carey Mulligan. Sie war den gesamten Film über umwerfend!


Titel: Promising Young Woman
Originaltitel: Promising Young Woman
Land/Jahr: USA, Großbritannien; 2020
FSK: 16 Jahre
Länge: 113 Minuten
Screenplay & Regie: Emerald Fennell
Cinematography: Benjamin Kracun
Musik: Anthony Willis
Cast: Carey Mulligan, Bo Burnham, Alison Brie, Laverne Cox

Titelfoto: © Focus Features

Heroes Don’t Die

Bewertung: 3 von 5.

Die ursprüngliche Idee ist von großer Schönheit: Ein Mann, der anscheinend bald sterben wird, überzeugt sich davon, dass er wiedergeboren wurde.

Heroes Don’t Die ist ein scheinbar irritierender Film, der sich als bedeutungsvolles Werk über Menschen herausstellt, die gehen, die suchen, die sich gegenseitig suchen. Der Film ist ein mächtiger Nährboden für Bilder, Körper in Aktion, Pfade, die fast gleichzeitig mit dem Leben, welches sie simulieren, auf dem Bildschirm auftauchen.

Ein Trio (eigentlich Quartett, aber wir werden den Kameramann nie sehen) stürzt auf nach Bosnien, auf Fremde, befragt sie, stößt auf sie und trifft sie am Ende wirklich. Ein ganzer Kontext umgibt sie, der eines fünf Jahre dauernden Krieges, realer oder imaginärer Geister, die Erinnerungen bewohnen. Aber unsere Protagonisten haben außer Alice (Adèle Haenel) wenig Zeit, darüber nachzudenken, da sie ganz auf der Suche nach Joachims „Vergangenheit“ oder vielmehr nach seinen früheren Leben sind. Manchmal geht es darum, es zu glauben oder nicht, aber der Film schreitet voran, als würde er sich selbst entdecken.

Es geht hier nicht darum „die Lebenden zu reparieren“ oder „die Toten zu begraben“, sondern sie alle zu mischen. Diejenigen zu vereinen, die sich eines Tages gekreuzt oder geliebt haben und die nicht die Zeit hatten, alles zu sagen und sich gegenseitig zu entdecken. Es geht auch darum, Wunden zu heilen, auf Friedhöfen einen Platz für die Toten zu schaffen, selbst mitten im Nirgendwo, ohne Blumen oder Kerzen. Weil Helden nicht nur durch Reinkarnation sterben, sprechen sie niemals von Inkarnation. Die Körper der Schauspieler sind da, verankert, wirkungsvoll. Adèle Haenel magnetisiert die Kamera oft. Joachim alias Jonathan Couzinié kollidiert mit dem Bild seines dünnen Körpers, der immer in Aktion ist, mit dem Wunsch zu sehen, zu verstehen.

Der Film pendelt ständig zwischen einer Art roher, dokumentarischer Realität, mit fiktiven Wurzeln und starken Begegnungen – eine Mockumentary. Es stellt sich die Frage, wie man Menschen filmt. Alice ist eine Regisseurin, die in den Landschaften verankert ist, die sie filmt. Im Gegensatz zu den Freunden, die sie begleiten, scheint sie das Ziel nie zu verfehlen.

Über die Frage der Lebenden und der Toten hinaus stellt Aude Léa Rapin entscheidende Fragen und beantwortet sie teilweise: Das Kino ist niemals lebendiger als wenn es den Körpern so nahe wie möglich ist, die handeln, die zittern und die trotzdem einen Pfad zu verfolgen scheinen. Es hätte gern etwas konkreter sein dürfen, aber es ist deutlich geworden, dass es dem (französischen) Kino gut geht.


Titel: Heroes Don’t Die
Originaltitel: Les héros ne meurent jamais
Land/Jahr: Bosnien/Herzegowina, Frankreich, Belgien; 2019
Länge: 85 Minuten
Screenplay: Aude Léa Rapin, Jonathan Couzinié
Regie: Aude Léa Rapin
Cinematography: Paul Guilhaume
Cast: Adèle Haenel, Jonathan Couzinié, Antonia Buresi, Hasija Boric, Vesna Stilinovic

Ordinary Love

Bewertung: 4 von 5.

Angenehm realistisches Drama über ein vertrautes Paar, das sich mit einer Brustkrebsdiagnose auseinandersetzen muss. Der Film lebt insbesondere von den beiden großen Schauspielern Lesley Manville als Joan und Liam Neeson als Ehemann Tom. Das Paar zeigt sich dem Betrachter mit vielen kleinen Intimitäten, Humor und natürlich im gemeinsamen Kummer – denn wenn der Krebs seinen Platz unter uns eingenommen hat, werden Nerven und Haut vollständig rissig und alles Vertraute wird gelöscht. Krebs verändert dich, auch wenn du ihn wieder fortschlägst, bleibt der Schmerz und die Angst tief eingebrannt.

Der Film zeigt die Ansätze der Therapien sehr übersichtlich und sauber, was in der Realität nicht immer so der Fall ist – hier wurde alles wieder auf Hochglanz poliert, was vielleicht nicht nötig gewesen wäre. Filme über Krebs scheinen oft zurückhaltend und die Kamera geht gerne an den wirklich rauen und ekelhaften Ecken vorbei. Hier versucht man jedoch zumindest die Nebenwirkungen der Chemotherapie zu visualisieren. Erbrechen, Schüttelfrost…

Ich mochte auch den typischen Galgenhumor der Hauptdarstellerin, Lesley Manville überzeugt hier sehr und ich hatte den Eindruck, dass sie und Neeson sich seit Ewigkeiten kennen. Das Abziehbild dieser Ehe gelingt perfekt und das gemeinsame Lachen ist so schön, auch wenn es oft droht, im Hals stecken zu bleiben.

Ordinary Love ist ein ruhiges und eindringliches Porträt, das trotz des bitteren Themas optimistisch ist, nicht verharmlost, aber die Krankheit auch nicht dämonisiert. Krebs bedeutet nicht immer zwingend den Tod, aber er wiegt schwer, ist prüfend und er verweilt meist auch in der Seele.


Titel: Ordinary Love
Originaltitel: Ordinary Love
Land/Jahr: Irland, Großbritannien; 2019
Länge: 92 Minuten
Screenplay: Owen McCafferty
Regie: Lisa Barros D’Sa, Glenn Leyburn
Cinematography: Piers McGrail
Cast: Lesley Manville, Liam Neeson, Esh Alladi

Pieces of a Woman

Bewertung: 3 von 5.

Einer der Filme, den ich mir am meisten herbeisehnte. Die erste halbe Stunde ist atemberaubend gut. Eine realistisch wirkende Geburt, die einen wahrscheinlich am besten trifft, wenn man die Handlung des Films überhaupt nicht kennt. Vanessa Kirby ist hier, wie auch über den gesamten Film hinaus, paralysierend. Es ist wahrscheinlich eine der besten schauspielerischen Leistungen der letzten Jahre für mich. Für sich allein, bietet der Film ein gutes Porträt einer Frau, die mit einem harten sowie traumatischen Verlust zurechtkommen muss.

Leider kann der Film die Stimmung der ersten halben Stunde nicht halten. Kirby bleibt fantastisch und überzeugend. Shia LaBeouf ist für mich problematisch, da seine Figur so wirkt wie der Arsch, den man aus den Presseberichten kennt. Seine Szenen wirken wie aus seinem Leben gegriffen, was für mich abschreckend war. Für viele kann das eventuell gut funktionieren, für mich war das jedoch nichts. Und der Film hat noch ein weiteres Problem im Casting: Ellen Burstyn ist hier, wie gewohnt, jedem Zweifel erhaben. Trotzdem ist sie in der Rolle als Vanessa Kirbys Mutter vollkommen ungeeignet. Kirby ist 32 Jahre alt und Burstyn ist 88, sie könnte also theoretisch eher ihre Großmutter sein. Für mich störte es jegliche Immersion, auch wenn Burstyns Monolog-Szene sehr gut und ihr Charisma durchdringend vorhanden war. Aber für mich gab es hier kein Mutter-Tochter-Verhältnis, was glaubhaft erschien.

Durch die beiden großen Monolog-Szenen gewinnt der Film einen Zuwachs an Melodramatik, was dem anfänglichen Realismus eher schadet. Trotzdem blieb ich der Hauptfigur so stark verbunden, dass sie mich gut durch den Film getragen hat und ich auch emotional sehr involviert war. Es bleibt aber auch die Frage nach den „Stücken“ des Titels. Was bleibt nach diesem Erlebnis von einer Frau übrig, die in Stücke gerissen wurde? Wenn das so gemeint ist, gut. Wenn nicht, bleibt die Frage, welche Stücke sind denn gemeint, denn ein großes Ganzes gibt es eventuell nur zu Beginn des Films, wenn überhaupt.

Ich empfehle den Film wegen der intensiven ersten halben Stunde, Vannessa Kirby und Ellen Burstyn. Als die Großmutter natürlich.


Titel: Pieces of a Woman
Originaltitel: Pieces of a Woman
Land/Jahr: USA, Kanada; 2020
FSK: 16 Jahre
Länge: 128 Minuten
Screenplay: Kata Wéber
Regie: Kornél Mundruczó
Cinematography: Benjamin Loeb
Cast: Shia LaBeouf, Vanessa Kirby, Ellen Burstyn, Molly Parker, Sarah Snook, Benny Safdie, Iliza Shlesinger
Stream: Netflix

Beach Rats

Bewertung: 4.5 von 5.

Frankie (Harris Dickinson) ist ein junger Erwachsener mit einem freundlichen Herzen und einem Geist voller Zweifel. Er ist von Schuld und Scham geplagt und weiß nicht, was er damit anfangen oder wie er alles rauslassen soll, ohne dass jemand herausfindet, was ihn zum Weinen bringt. Manchmal erinnerte er mich an mich selbst, damals, in den 1990ern. Auch wenn Frankie sehr wenig spricht, kenne ich ihn recht gut.

Homosexuell zu sein bedeutet nicht, dass man versteht, was es heißt, schwul zu sein. Frankie ist von Männern angezogen – daran zweifelt er nicht. Die Verwirrung liegt in seinem Verständnis der schwulen Identität und wie sich Sexualität manifestiert. Er sieht überall Heterosexualität, heterosexuelle Paare, die sich im Zug an den Händen halten, seine Schwester, die einen Jungen im Park küsst, seine Mutter, die sich neben seinem Vater zusammenrollt. Frankies Kontakt mit schwuler Sexualität ist dramatisch anders. Nur online oder nachts im Gebüsch versteckt, ein schmutziges Geheimnis. Diese Männer, die Striptease machen und nackt vor Webcams tanzen, sind lächerlich und Frankie ist völlig entfremdet. Das mag er? Das ist es, schwul zu sein? Er kennt keine schwulen Männer in seinem eigenen Leben, daher wird diese minimale Untergruppe der Community, die er online sieht, zu seinem gesamten Verständnis. Frankie passt nicht zum Stereotyp und obwohl dies ihn vor Belästigung durch heterosexuelle Menschen schützt, spürt er eine so intensive Trennung von der schwulen Identität, dass er in eine Krise gerät. Er gehört einfach nicht dazu.

Beach Rats beginnt und endet an klaren Erzählspuren, wobei gelegentlich Handlungsentwicklungen auftreten, aber dies ist nichts anderes als eine Charakterstudie, wenn auch eine radikalere Form von einer. Eliza Hittman selbst bezeichnet den Film als „nicht erwachsen“. Dies ist kein Film über ein Outing – das ist für Frankie einfach keine Option. Er testet das Wasser mit seinen Freunden, seiner Freundin und seiner Familie und es gibt keine Unterstützung. Dies ist eine Geschichte von emotionaler Veränderung und Verwirklichung, ein junger Mann, der erkennt, dass er nicht der Mann sein wird, der er sein will.

Der Film bietet vielleicht die beste Darstellung, die ich von einer verdrängten sexuellen Identität und ihren schädlichen Auswirkungen gesehen habe. Der soziale Druck, der auf Frankie ausgeübt wird, um in einer heterosexuellen Beziehung zu sein, ist unbestreitbar und erschlagend und die meisten Menschen erkennen nicht einmal, wie sie dazu beitragen. Es fängt schon allein bei der Sprache an. Für Frankie ist es keine Option, geoutet zu sein. Es wird ausdrücklich klargestellt, dass ihn in diesem Fall niemand unterstützen wird. Er muss genau wie sein Vater sein oder eben genau wie die anderen Jungs. Harris Dickinson geht hier deutlich über sich hinaus und sein wachsendes Unbehagen in seiner eigenen Haut wird im Laufe des Films immer deutlicher.

Dickinsons Performance steht auch im Einklang mit dem Rest des Films, da die Subtilität ihn so erhaben macht. Es ist so offensichtlich, dass bei Frankie etwas nagt, noch bevor wir genau erkennen, was es ist. All seine Freunde nehmen Drogen, aber er nimmt sie, um zu fliehen und nicht um Spaß zu haben. Er fühlt sich so in seinem eigenen Gehirn gefangen, dass es die einzige vorübergehende Flucht ist, aber selbst das schwindet irgendwann. Ich fühlte mit ihm, als er mit seiner Freundin intim war, offensichtlich unbehaglich und unwillig, aber das war es, was er tun sollte. Er hat sie falsch behandelt und nichts entschuldigt das, aber ich konnte verstehen, warum er es tat. Sie ist wunderschön und er weiß es, aber er will sie einfach nicht. Je tiefer er in seine falsche Identität eindringt, desto mehr bestätigen ihn seine Freunde und desto mehr wird er von seinem Inneren getrennt. Er nimmt mehr Drogen und opfert noch mehr von seiner Moral, weil er zu diesem Zeitpunkt kaum eine Person ist. Er hat keine Identität. Ich hätte diese Sparte des Films vielleicht gelassen, weil Gewalt einfach ein zu großer Schritt ist und mir persönlich nie egal wäre.

Hittmans Herangehensweise an das Filmemachen ist brillant und ich kann nicht aufhören darüber zu schwärmen, wie gut sie ihre schönen Visionen verwirklichen kann. Das gleiche gilt übrigens für den furiosen Never Rarely Sometimes Always. Der Dialog ist spärlich und so viel bleibt unausgesprochen, aber man kann jeden Meter Wahrheit spüren, die vom Bildschirm ausstrahlt. Jede Szene ist wunderschön, während eine so naturalistische Qualität erhalten bleibt. Es fühlt sich alles so real an und doch völlig konzentriert. Beach Rats ist umfassend und doch niemals ziellos. Nur wenige Minuten nach Beginn des Films hat man bereits ein gründliches Verständnis für die Kultur dieser Stadt und die sozialen Gegebenheiten. Dies ist die Art von Ort, an dem jeder jede Woche im Sommer zum Pier geht, um das Feuerwerk zu sehen, obwohl es sich nie ändert. Aber Frankie ändert sich und in zwei getrennten Momenten sieht er denselben Anblick und erkennt etwas total anderes.

Beach Rats hätte ich wahrscheinlich nie gesehen, wenn er nicht von Eliza Hittman sein würde. Aber nach Never Rarely Sometimes Always stand es nahe, auch ihre früheren Werke zu betrachten. Mit einigen Inhalten kann ich mich sehr verbinden, aber auch die Übrigen sind mir nicht gänzlich fremd. Es ist alles nachvollziehbar. Ich begrüße Hittman und ihre Schauspieler auch für die realistischen Darstellungen vom schwulen Sex. Die Kamera scheut nichts, ohne jemals ausbeuterisch oder gar pornografisch zu sein. Ich bin mir zwar sicher, dass die grafische Natur des Inhalts für einige abschreckend sein wird, aber ich glaube, dass dies ein wichtiger Film ist, um wirklich einen Eindruck davon zu bekommen, was es heißt, in einer heteronormativen Welt eingeschlossen zu sein. Dieser Film hat so viel zu bieten und das ist wunderbar!


Titel: Beach Rats
Originaltitel: Beach Rats
Land/Jahr: USA; 2017
FSK: 16 Jahre
Länge: 98 Minuten
Screenplay & Regie: Eliza Hittman
Cinematography: Hélène Louvart
Cast: Harris Dickinson, Kate Hodge, Erik Potempa, Madeline Weinstein
Stream: Netflix

Swallow

Bewertung: 4 von 5.

Hunter (Haley Bennett), eine ehemalige Verkäuferin im Einzelhandel, heiratet in eine wohlhabende Familie ein und wird die Ehefrau vom Unternehmer Ritchie (Austin Stowell). Zu Beginn scheint alles harmonisch, aber man bemerkt schnell, dass Hunter schon länger unter dem Pantoffel steht, sowohl bei ihrem Ehemann, als auch beim Rest der Familie. Sie ist hauptsächlich dafür gut, den Sohn glücklich zu machen, indem sie den Haushalt erledigt und dem Schwiegervater baldigst einen Enkelsohn schenkt, damit das Erbe für das eigene Unternehmen gesichert ist. Als Hunter dann tatsächlich schwanger wird, geht die kontrollierende Familie komplett darin auf, sie immer mehr zu bevormunden und sie immer weniger als eine selbstbestimmte Frau wahrzunehmen. Etwa zur gleichen Zeit beginnt Hunter eine krude Vorliebe zu entwickeln. Sie bekommt den Drang, leblose Gegenstände zu schlucken. Glaskugeln, Büroklammern, Buchseiten; Häufigkeit und Umfang variieren und das wird im Laufe der Zeit nicht selten gefährlich.

Ärzte stellen bei Hunter später das sogenannte Pica-Syndrom fest und die Krankheit beginnt, sie immer mehr zu beherrschen. Der Beobachter gleitet, von einem scharfen Sounddesign paralysiert, hinab in Hunter’s Psyche, ihren Körper und in ihre Vergangenheit. Man wird Zeuge von Verdrängung, Kontrollverlust, Fremdbestimmungen. Später gewinnt man kleine Momente einer Katharsis, aber alles in allem fühlte ich mich meist etwas eingesperrt, wie Hunter selbst. Ihr Schicksal wäre ausreichend genug, um aus ihr eine Frau zu machen, die nach Rache sinnt, aber der Film untersucht Traumata auf einer viel kälteren Ebene, einer, die sich nicht mit einem Blutbad oder wilder Zerstörung erwärmen ließe. Und es sind auch politische Botschaften, die man hier findet, ohne das der Film sie klar benennt. Der Kampf um die Autonomie des weiblichen Körpers und sicherlich auch dem Feminismus der heutigen Zeit.

Autor und Regisseur Carlo Mirabella-Davis hätte mit seinem Film ein richtig unangenehmes Kinoerlebnis kreieren können, aber Swallow ist kein Horrorfilm und auch nicht anderweitig abstoßend. Die Stimmung des Films ist ohne Frage sehr körperlich, was natürlich das Thema mit sich bringt – die speziellen Szenen jedoch ergießen sich kaum im Ekel oder Folter. Die Kamera fängt zum Großteil die beeindruckend spielende Haley Bennett nicht in der Totalen, sondern meist nur im Gesicht ein. Auf mich wirkten die Schluckszenen so abstrus und abwegig, dass ich wie von Zauberhand total fasziniert davon war. Das lag auch vor allem an der Farbkomposition der Umgebung in Rosé und der sterilen und überschaubaren Ausstattung. In der kühlen Atmosphäre des Wohnhauses kann einfach keine echte Liebe entstehen.

Während viele dachten, dass Joker aus 2019 authentisch psychische Erkrankungen bebildert und die Menschen vielleicht auch dafür sensibilisiert, macht es meiner Meinung nach Swallow noch viel besser, weil weniger überzeichnet. Hunter ist eine Figur mit einem großen und sehr schweren inneren Konflikt – einem, den die meisten nicht ertragen könnten, wenn sie davon wüssten. Ich für meinen Teil kann sagen, dass Swallow einer der ungewöhnlichsten Filme der letzten Jahre ist, zumindest unter denen, die ich gesehen habe. Ein Psychodrama der Extraklasse mit einer interessanten Erzählung im stilvollen Gewand.


Titel: Swallow
Originaltitel: Swallow
Genre: Thriller, Drama
Land/Jahr: USA, Frankreich; 2019
FSK: 16 Jahre
Länge: 94 Minuten
Screenplay & Regie: Carlo Mirabella-Davis
Cinematography: Katelin Arizmendi
Cast: Haley Bennett, Elizabeth Marvel, Austin Stowell, David Rasche

Titelbild: ©Charades