Nomadland

Bewertung: 5 von 5.

»One of the things I love most about this life is that there’s no final goodbye. I’ve met hundreds of people out here, and they don’t ever say a final goodbye. They’ll just say, “I’ll see you down the road.” And I do. I see them again. And I can be certain in my heart, “I’ll see you again.” «

Fern (Frances McDormand) betrauert ein Leben, welches sie bitter verloren hat. Sie war in Empire, einer amerikanischen Kleinstadt, einst glücklich. Als die Gipsfabrik dieserorts geschlossen wurde, schloss auch die Stadt buchstäblich mit. Innerhalb von sechs Monaten wurde der ganze Abschnitt mitsamt Postleitzahl beseitigt. Genau in dieser Zeit starb auch Ferns Ehemann Bo und sie blieb zurück. Ferns Vergangenheit wird visuell nie reflektiert, wir erfahren alles in ihren Erzählungen. Wir kehren öfter dahin zurück.

Fern sagt selbst über sich, sie sei nicht obdachlos, sondern hauslos. Sie macht sich auf die Suche nach Arbeit in einem Amazon-Logistik-Zentrum und beginnt, in ihrem Van zu leben. Irgendwann fügt sie sich in einer Gruppe moderner Nomaden ein, Menschen, die manchmal provisorische Gemeinschaften bilden. Sie unterhält sich mit ihnen, lacht mit ihnen, aber Fern nimmt immer wieder Abschied und bereist die amerikanischen Landschaften. McDormands Figur ist das Zentrum von Chloé Zhao’s wundervollen Film Nomadland und er erzählt Geschichten über Abschiede und Verluste, aber auch darüber, wie sich Menschen begegnen und sich gegenseitig sehen und erkennen. Es ist ein Film, der Poesie im Leben einer scheinbar abgeklärten Frau findet und der abwechselnd so traumhaft ist, weil er die Schönheit eines Landes einfängt und der auf Geschichten von Personen basiert, die wir normalerweise in Filmen nicht sehen. Ich liebe einfach alles daran.

Filmemacher neigen meist dazu, ihre Charaktere zu beurteilen und zu sortieren. – ‚Das ist der Gute, hier ist der Böse.‘ – ‚Hier ist die Scheue, da ist die Forsche.‘ – ‚Hier ist das, was getan werden muss‘ – ‚hier ist endlich das gute oder traurige Ende, über das dann alle reden müssen, können, sollen.‘ – Zhao’s Drehbuch macht das auf wundersame Weise nicht. Wir begleiten Fern nicht um zu schauen, wie sie irgendeine Mission erfüllt. Wir sehen ihr auch nicht dabei zu, wie sie Erlösung findet oder wie sie sich wieder glücklich in jemanden verliebt. Es gibt Liebe in diesem Film, aber sie wird hier nicht auf einen bestimmten Menschen reduziert oder gezwängt. Es ist der erste Film den ich sah, in dem sich die Liebe tatsächlich frei anfühlte. Zhao drückt auch keine Knöpfe um uns die Stimmungen von Einsamkeit und Melancholie von Fern spürbar zu machen. Vielmehr appelliert der Film an unser eigenes und echtes Einfühlungsvermögen und es ist fast so, als verdiene sich Nomadland die Emotionen ganz von selbst, weil es hier nicht um Logik oder um menschliches Verlangen geht, der man irgendwie auf den Grund gehen muss. Es geht nur um das pure Sein.

Natürlich wäre all das unmöglich zu erreichen, wenn hier eine noch viel jüngere oder unerfahrenere Schauspielerin als Frances McDormand alles verankern würde. Durch sie sehen wir diese Welt, die Sonnenaufgänge und die Abenddämmerungen, die Wellen, die Menschen, sie spielt Fern subtil und raffiniert – eigentlich ein Selbstläufer, sie verschmilzt fast in diesen Karten. Wenn die Natur ruft und der Van gibt auf die Schnelle nur einen Eimer her, dann lässt Frances es einfach laufen. Schlicht großartig!

Fern ist eine komplexe Frau, die sich bis zu einem gewissen Grad selbst sabotiert, aber auch sehr warmherzig und offen gegenüber ihren Mitmenschen ist. Sie findet überall Freunde, wie die Frauen, mit denen sie zu einer Wohnmobil-Ausstellung geht oder den jungen Mann, dem sie ein Feuerzeug schenkt. Frances McDormand macht so viel mit ihren Augen und einem ironischen Lächeln. Sie wirkt von sich aus schon wie ein Kumpel, mit der man über sarkastische Witze lachen könnte, so natürlich liebenswert. Wir sehen ein ganzes Leben in dieser Aufführung. Jeder Schlag und jede Wahl hat eine Geschichte. Es ist einer der besten Auftritte der Schauspielerinnen ihrer Generation.

Und Cloé Zhao passt zu dem, was sie von McDormand geliefert bekommt. Zhao hat erstaunliche technischen Fähigkeiten. Sie trifft sich wieder mit Joshua James Richards, jenem Kameramann, der auch schon in The Rider zugegen war. Das Team findet die Schönheit in den Weiten der amerikanischen Landschaften und Zhao und Richards lehnen sich mit langen Einstellungen des Horizonts in die Welt. Die meisten Szenen scheinen zur magischen Stunde gedreht worden zu sein, das Licht und die Farben wirken sehr natürlich. Nomadland ist ein wunderschöner Film, ihn zu sehen ist ein Erlebnis, aber er ist nicht nur eine Abfolge von traumhaften Panoramen. Alles an der visuellen Sprache ist auffällig – zum Beispiel wie Richards und Zhao die Kamera langsam mit Fern durch eine Gemeinschaft von Van-Bewohnern gleiten lassen. Das konnte mich total abholen und ich habe mich in diesen Augenblick schlicht verloren. Es ist schwer herauszufinden, wie Zhao diesen Film gemacht hat, der in seinen Kompositionen so schön ist und sich irgendwie immer noch so anfühlt, als wäre er auch hart, dreckig und beschwerlich. Die passende Partitur von Ludovico Einaudi begleitet uns zeitweise und wirft Momente ein, die vor allem dem audiovisuellen Genuss dienen, welche die Poesie von Nomadland noch verstärken.

Die meisten Menschen, auf die Fern unterwegs trifft, sind keine Schauspieler. Es sind Menschen, die dieses Leben auf der Straße tatsächlich führen. Das einzig mir bekannte Gesicht neben McDormand gehörte David Strathairn. Der Film begründet sich vor allem auch darin, dass Ferns Gespräche und Interaktionen eine improvisierte und natürliche Qualität besitzen. Die Nomaden erzählen zum Teil sehr persönliche Geschichten – über Krankheit; über den Tod; wie es ist, dieses Land fast besitzlos zu bereisen. Sie geben Tipps, wie man ein sicheres Leben auf der Straße führt und unterstützen sich gegenseitig auf eine Weise, wie es Nachbarn mit traditionellen Häusern selten tun. Nomadland ist mehr als nur ein Porträt einer widerstandsfähigen Frau, er erinnert uns auch daran, wie viele Menschen da draußen Geschichten zu erzählen haben und wie viele unserer Träume unerfüllt bleiben. Und trotzdem wälzt sich der Film niemals in Trauer, Elend oder Verdruss.

Aber dennoch ist Traurigkeit immer da und begleitet Fern auf jeder zurückgelegten Meile. Man sieht sie manchmal im Lächeln von McDormand, wenn sie jemanden von seinem verlorenen geliebten Menschen sprechen hört. Sie denkt wahrscheinlich an ihren Ehemann. Wir sind vielleicht nicht alle in der Lage, uns direkt auf die Kämpfe von Fern zu beziehen, aber wir können alle dieses Gefühl von Unsicherheit spüren.

Ich interpretiere Nomadland als die Geschichte einer Frau, die vor Trauer davonläuft und alles, was sie sich noch von diesem Leben erwartet und erhofft, nicht mehr in der eigentlichen Gesellschaft festzumachen ist. Die Bilder dieses Films sind vielleicht auch die Antworten auf die Unruhen und Ängste vieler Menschen der letzten Jahre. Sie enthalten so viel Wahrheit und Schönheit über die einfachsten Dinge – das Lächeln eines Freundes, ein Kaffee bei Sonnenaufgang, ein Bad in einem Fluss, die freundliche Geste eines Fremden.


Titel: Nomadland
Originaltitel: Nomadland
Land/Jahr: USA; 2020
Länge: 108 Minuten
Buch: Jessica Bruder
Screenplay & Regie: Chloé Zhao
Cinematography: Joshua James Richards
Musik: Ludovico Einaudi
Cast: Frances McDormand, David Strathairn, Linda May, Swankie

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