Promising Young Woman

Promising Young Woman

Bewertung: 3 von 5.

(Dieser Text enthält Äußerungen über sexuelle Gewalt und Spoiler.)


»Can you guess what every woman’s worst nightmare is?«

Ich bin mir bei diesem Film nicht sicher. Betrachtet man ihn aus verschiedenen Perspektiven kann man nur feststellen, dass er für viele Menschen überhaupt nicht funktionieren kann. Für einen kleinen Teil vielleicht doch. Ich persönlich bin geteilt und auch ein bisschen irritiert.

Cassie (eine unglaublich gute Carey Mulligan) verbringt ihre Tage damit Kaffee zu verkaufen und verwandelt sich nachts in eine betrunkene und hilfebedürftige Frau, um die Männer dazu zu bringen, die Situation auszunutzen und ihnen sodann ihr wahres und nüchternes Gesicht zu zeigen. Sie stellt die Männer in ihrem Vorhaben bloß und reißt ihnen die Maske des „edlen Gentleman’s“ vom Gesicht und agiert dabei so sicher und selbstbewusst, dass es für den Betrachter ungemein befriedigend ist. Cassie ist auf einem Rachefeldzug, mit einer anfänglich noch unklaren Motivation.

Sie versucht, auf diese Weise ihre beste Freundin Nina zu rächen, die vor sieben Jahren vergewaltigt wurde und anschließend Selbstmord begangen hat. Ein Mann zerstörte Ninas Leben und wurde nicht bestraft, weil er als ein „vielversprechender junger Mann“ angesehen wurde. Da die Machthaber keine Gerechtigkeit walten ließen, nimmt Cassie es auf sich, die Verantwortlichen zu bestrafen. Durch einen Zufall ergibt sich für Cassie die Gelegenheit, auf jene Menschen zu treffen, die sowohl aktiv als auch passiv an der Vergewaltigung beteiligt waren. Bis dahin stellt Mulligans Figur die fleischgewordene Wut der Ungerechtigkeit dar. Sie ist die Wut, die wir Menschen empfinden, wenn derartige Fälle nicht oder nur unzureichend aufgeklärt werden.

Promising Young Woman ist mit einer quietschigen, pinkfarbenen Ästhetik gezeichnet und zieht dieses Bild auch bis zum Ende durch. Fennell kreierte ein helles Bild einer verachteten Frau, die sich mit ihrer Weiblichkeit bewaffnet und diese auch als solche einsetzt. Alles, was Frauen verletzlich erscheinen lässt, gleicht einer Rüstung und dies erzeugt eine Stimmung, bei der nichts so ist, wie es scheint. Der Film stellt Cassie fortwährend als Racheengel von Nina dar, die sich selbst nach einer Katharsis sehnt, sie aber mit ihren Methoden nicht erreichen kann. Die Strichliste entlarvter Männer in Cassies Notizbuch ist lang, mehrere Dutzend hat sie entmächtigt, aber die Trauer und Wut mergelt sie aus und sie bringt sich selbst in Gefahr – Cassie verliert sich und das war für alle sichtbar.

Der Film handelt über Cassies Trauerentwicklung und ihre Freundin Nina schwebt wie ein Geist die ganze Zeit mit. Jede Bewegung, die Cassie macht, ist in Erinnerung an Nina. Jede Strafe wird wegen Nina verhängt. Alles dreht sich um Nina. Aber Ninas Stimme ist nie zu hören. Cassie spricht über sie, aber nicht mit ihr. Sie wird zu einer Konstruktion und einer Idee, auf die Cassie ihre gesamte Identität gestützt hat. Der Film setzt sich nicht mit den Folgen von Cassie auseinander, die sich ohne Ninas ausdrückliche Einwilligung als Racheengel betrachtet und berücksichtigt das „Konzept der Zustimmung“ nicht. Nina hat kein Mitspracherecht, ob dies denn das ist, was sie will. Was bedeutet es, die Rache eines anderen selbst in die Hand zu nehmen? Fennell geht über diese Frage hinweg, um Mulligans Figur wie Ninas Heldin erscheinen zu lassen. Und das ist sie ohne Zweifel. Das Bildnis des Engels in Rache findet sich sogar in visuellen Karten, der Rahmen des Bettes gleicht Cassies Flügeln.

So gut mir der Anfang des Films auch gefiel, so fragte ich mich später, warum die Folgen der potenziellen Täter zu Beginn des Films so mager ausfielen. Promising Young Woman zerfasert an dem Punkt, als der „Kreuzzug“ im Stil von Kill Bill mit Strichliste tatsächlich beginnt. Cassie bestraft Madison McPhee und Dean Walker, zwei passive Beteiligte im Vergewaltigungsfall von Nina, noch härter als die schmierigen Typen, welche sie in den Clubs überführt hat und die sich beinahe gefährlich an ihr vergriffen hätten. Madison wurde dazu verleitet zu glauben, abgefüllt und vergewaltigt worden zu sein und Dean Walker nimmt an, ihre minderjährige Tochter wird gerade sexuell angegriffen. Dass sie ihr Fett wegbekommen ist befriedigend und auch clever durchgeführt, aber es wirkt im Kontext des Anfangs inkonsistent. Sicher verengt sich in dem Zeitpunkt des Films die Schlinge um die Hälse der Mittäter, aber inzwischen ist auch Cassie eine Frau, die am eigenen Leib sexuelle Gewalt erlebte. Sie ist eine Überlebende, aber die Rache an Ninas Peinigern hat mehr Gewicht im Vergleich zu ihren eigenen. Der Film lässt von Beginn an wenig Platz für Cassies eigenes Trauma, über den Verlust und das Selbsterlebte.

Auf halbem Weg durch Promising Young Woman beginnt Cassie dann doch zu resetten. Sie begegnet Ryan (Bo Burnham) und erkennt, wie sie sich von dieser Tragödie verzehren lässt und dass das ein Ende haben muss. Die Szenen mit Burnham sind lustig charmant und in Carey Mulligan war ich an dieser Stelle bereits sehr verliebt, was ich eigentlich vermeiden wollte, aber nun. Ich wünschte mir, dass Cassie eine Pause und vielleicht auch ein wenig Heilung erleben durfte, weil der Film sich ein wenig mit einer gewissen Leichtigkeit tarnt, die er aber mit dieser Thematik nicht hat. Doch gerade als sie beginnt ihr Leben neu zu sortieren, lässt er das Trauma wiederkehren und Cassies Mission steuert auf ein vielversprechendes Finale zu.

Al Monroe, Ninas einstiger Vergewaltiger, gibt seine Junggesellenparty, glücklich verheiratet soll er bald sein und Cassie stellt erneut ihre Fallen auf, um den Täter zu brandmarken – ein Vorhaben, dass sowohl gefährlich ist, als auch eine Ermächtigung bringen könnte. Aber ich habe nicht die Rechnung mit Fennell’s Drehbuch gemacht, dass ab hier beginnt vollkommen zu zerfallen. Cassie wird von Al ermordet. Sie wird von ihm erstickt und alle Kraft, die das Drehbuch bisher hergab, wurde zunichtegemacht. Unsere Heldin steht schlussendlich in Flammen und Cassie wird nur noch auf ein Haufen Asche reduziert, die vom Winde verweht wird. Verbrannt von zwei vielversprechenden jungen Männern. Was bleibt ist nur eine trostlose Erinnerung daran, dass selbst die ultimative Selbstaufopferung keine Gerechtigkeit garantiert.

Für mich war Cassies Tod ein Nackenschlag, der mir suggerierte, dass Frauen die sexuelle Gewalt überlebten, keine Heilung im Sinne eines gesunden Neuanfangs führen können. Auch wenn Cassie, clever wie sie war, Vorkehrungen auf ihren Tod traf und ihre Möglichkeiten so ausschöpfte, dass Al Monroe trotzdem für den Mord in den Knast wanderte, so bleibt sie aber dennoch eine tote Frau. Fennell sagt schlussendlich mit ihrem Film, dass Überlebende nur Heilung erlangen, indem sie nicht mehr am Leben sind und das es zwei tote Frauen braucht, um einen Vergewaltiger und Mörder zu bestrafen. Der ganze Frust gegenüber diesem System und den patriarchalen Strukturen, der sich den Film über aufbaute, blieb mir bis weit nach dem Abspann im Halse stecken.

Ich wage es zu bezweifeln, dass viele Frauen, die selbst schon sexuelle Gewalt erlebten, diesen Film sehen werden. Auf den ersten Blick könnte man auch auf die Idee kommen, dass Cassie am Ende autonom war, da sie auch nach ihrem Tod noch befähigt war, zu handeln. Aber es ist grotesk anzunehmen, dass das irgendwie „cool“ ist, was am Ende passierte oder zu sagen, Fennell’s Film sei irgendwie empathisch mit dem Thema umgegangen. Frauen, die so etwas erlebten, führen dem Film nach ein Leben voller Leid und Fremdbestimmung, sind unfähig zur Flucht und Fantasie. Das ist grausam und ein Schlag ins Gesicht für alle Frauen, die alles versuchen, wieder Fuß zu fassen und sich wieder eine lebenswerte Zukunft erarbeitet haben.

Promising Young Woman zeigt dem Patriarchat nicht den Mittelfinger, wie man anfangs den Anschein hatte. Cassies Tod ist eine Ausstellung, ein Moment, der hauptsächlich dem Schockwert dient. Die Nachricht fühlt sich wie ein großes Achselzucken an und zeigt, dass die Suche nach Ermächtigung nutzlos ist, das System tatsächlich kaputt ist und es nicht viel zu tun gibt. Der Film ist keine Anklage gegen die Vergewaltigungskultur, aber er ist ein sehr gut gespielter, toll designter Thriller mit cleveren Ideen und einigen Hab-Dich-Momenten. Wenn man den Film nur eindimensional betrachtet, funktioniert das alles sicherlich gut. In anderen Fällen eher weniger.

Ich wünsche mir dennoch eine Chance auf einen Oscar für Carey Mulligan. Sie war den gesamten Film über umwerfend!


Titel: Promising Young Woman
Originaltitel: Promising Young Woman
Land/Jahr: USA, Großbritannien; 2020
FSK: 16 Jahre
Länge: 113 Minuten
Screenplay & Regie: Emerald Fennell
Cinematography: Benjamin Kracun
Musik: Anthony Willis
Cast: Carey Mulligan, Bo Burnham, Alison Brie, Laverne Cox

Titelfoto: © Focus Features

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