Swallow

Bewertung: 4 von 5.

Hunter (Haley Bennett), eine ehemalige Verkäuferin im Einzelhandel, heiratet in eine wohlhabende Familie ein und wird die Ehefrau vom Unternehmer Ritchie (Austin Stowell). Zu Beginn scheint alles harmonisch, aber man bemerkt schnell, dass Hunter schon länger unter dem Pantoffel steht, sowohl bei ihrem Ehemann, als auch beim Rest der Familie. Sie ist hauptsächlich dafür gut, den Sohn glücklich zu machen, indem sie den Haushalt erledigt und dem Schwiegervater baldigst einen Enkelsohn schenkt, damit das Erbe für das eigene Unternehmen gesichert ist. Als Hunter dann tatsächlich schwanger wird, geht die kontrollierende Familie komplett darin auf, sie immer mehr zu bevormunden und sie immer weniger als eine selbstbestimmte Frau wahrzunehmen. Etwa zur gleichen Zeit beginnt Hunter eine krude Vorliebe zu entwickeln. Sie bekommt den Drang, leblose Gegenstände zu schlucken. Glaskugeln, Büroklammern, Buchseiten; Häufigkeit und Umfang variieren und das wird im Laufe der Zeit nicht selten gefährlich.

Ärzte stellen bei Hunter später das sogenannte Pica-Syndrom fest und die Krankheit beginnt, sie immer mehr zu beherrschen. Der Beobachter gleitet, von einem scharfen Sounddesign paralysiert, hinab in Hunter’s Psyche, ihren Körper und in ihre Vergangenheit. Man wird Zeuge von Verdrängung, Kontrollverlust, Fremdbestimmungen. Später gewinnt man kleine Momente einer Katharsis, aber alles in allem fühlte ich mich meist etwas eingesperrt, wie Hunter selbst. Ihr Schicksal wäre ausreichend genug, um aus ihr eine Frau zu machen, die nach Rache sinnt, aber der Film untersucht Traumata auf einer viel kälteren Ebene, einer, die sich nicht mit einem Blutbad oder wilder Zerstörung erwärmen ließe. Und es sind auch politische Botschaften, die man hier findet, ohne das der Film sie klar benennt. Der Kampf um die Autonomie des weiblichen Körpers und sicherlich auch dem Feminismus der heutigen Zeit.

Autor und Regisseur Carlo Mirabella-Davis hätte mit seinem Film ein richtig unangenehmes Kinoerlebnis kreieren können, aber Swallow ist kein Horrorfilm und auch nicht anderweitig abstoßend. Die Stimmung des Films ist ohne Frage sehr körperlich, was natürlich das Thema mit sich bringt – die speziellen Szenen jedoch ergießen sich kaum im Ekel oder Folter. Die Kamera fängt zum Großteil die beeindruckend spielende Haley Bennett nicht in der Totalen, sondern meist nur im Gesicht ein. Auf mich wirkten die Schluckszenen so abstrus und abwegig, dass ich wie von Zauberhand total fasziniert davon war. Das lag auch vor allem an der Farbkomposition der Umgebung in Rosé und der sterilen und überschaubaren Ausstattung. In der kühlen Atmosphäre des Wohnhauses kann einfach keine echte Liebe entstehen.

Während viele dachten, dass Joker aus 2019 authentisch psychische Erkrankungen bebildert und die Menschen vielleicht auch dafür sensibilisiert, macht es meiner Meinung nach Swallow noch viel besser, weil weniger überzeichnet. Hunter ist eine Figur mit einem großen und sehr schweren inneren Konflikt – einem, den die meisten nicht ertragen könnten, wenn sie davon wüssten. Ich für meinen Teil kann sagen, dass Swallow einer der ungewöhnlichsten Filme der letzten Jahre ist, zumindest unter denen, die ich gesehen habe. Ein Psychodrama der Extraklasse mit einer interessanten Erzählung im stilvollen Gewand.


Titel: Swallow
Originaltitel: Swallow
Genre: Thriller, Drama
Land/Jahr: USA, Frankreich; 2019
FSK: 16 Jahre
Länge: 94 Minuten
Screenplay & Regie: Carlo Mirabella-Davis
Cinematography: Katelin Arizmendi
Cast: Haley Bennett, Elizabeth Marvel, Austin Stowell, David Rasche

Titelbild: ©Charades

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