The Assistant

Bewertung: 4 von 5.

Die australische Autorin und Regisseurin Kitty Green erhob mit ihrem Film The Assistant eine stille und wirkungsvolle Anklage an die menschliche Gleichgültigkeit, Korruption, Mobbing, Machtmissbrauch, sowie strukturelle und sexualisierte Gewalt. Sie zeigt, verdichtet auf einen Tag, wie Menschen aller Schichten mit Blick auf ihre eigenen Karriere-Optionen manipuliert und verunsichert werden und sich somit dem grausamen System fügen. Nach eher missglückten Versuchen wie Bombshell aus 2019, dürfte The Assistant der bisher beste Film mit dieser Thematik sein.

Kitty Green hat ihren Film fast als Dokumentation aufgebaut, eine Dokumentation über die Arbeitskultur in der New Yorker Filmproduktion. Es ist auch eine Dokumentation über unsagbare Arbeitsbedingungen, über Stress, Hörigkeit, Erpressung, Duckmäusertum und über hunderte Komplizen unter Harvey Weinstein, die schweigende Masse. Alle Stufen der Unschuld und Mitschuld erlebt man mit der Protagonistin Jane, beeindruckend verkörpert von Julia Garner. Der Zuseher sitzt fast auf ihrer Schulter, so nah kommt man ihr, wenn man sie in den tristen Alltag in das Vorzimmer des Filmproduzenten begleitet. Sie ist als seine persönliche Assistentin schon vor allen anderen im Büro und sie ist auch diejenige, die als letztes das Büro verlässt. Zumindest meistens, denn manchmal hält ihr Boss noch abendliche „Bewerbungsgespräche“ in seinem Büro ab. Auf der Couch.

Der Tag beginnt für Jane mit Kaffee kochen und sie klammert sich übermüdet an ihre Hug-Mug. Die nächsten zwölf Stunden werden für sie die reinste Tortur und vor allem, eine stille. Der Film bricht niemals aus, es gibt keine lauten Dramen. Nahezu alle schauen auf Jane herab, von den direkten Kollegen, die mit ihr das Zimmer teilen, bis hin zu Menschen der anderen Abteilungen. Jane ist erst seit etwa 2 Monaten dabei, verübt zum Großteil die niederen und unliebsamen Aufgaben, die nach Erledigung keinen Dank erfahren – noch nicht mal ein kleines Nicken bekommt sie, es ist die nackte Ignoranz. Sie leidet still und in den meisten Szenen bemerkte ich auch die dröge Langeweile in den routinierten Aufgaben, die auch Jane empfand und die Projektion auf den Zuschauer gelingen dem Film erstaunlich gut. Der Tag hat keine Highlights, die Zeiger der Uhr wandern langsam. An so einem Ort bleibt man nur, wenn man sich davon noch etwas erhofft. Und das taten alle in diesem Büro.

Ich habe mich aber auch bei einigen Szenen etwas schwer getan. Manche sollten mir etwas mitteilen, aber sie haben auf mich keine Wirkung erzielen können. Zum Beispiel stand Jane mit drei fremdsprachigen Menschen im Aufzug, welche japanisch sprachen und sie nichts verstand. Für mich persönlich wäre das kein Problem und es fällt mir schwer zu glauben, dass dies im Gegensatz zu den übrigen Aufgaben in Janes Alltag, tatsächlich unangenehm ist. Einige Tätigkeiten, die Jane nach Protokoll ausüben musste, waren zwar fad, aber nicht unbedingt schrecklich. Bei solchen Szenen blieb ich distanziert und wenig beeindruckt. Erschlagen haben mich aber eben diese Szenen, die offenkundig grausam waren und davon gab es mehr als genug. Jane erfährt von früh bis spät Missachtung, muss das Büro des Chefs putzen, obwohl sie keine Reinigungskraft ist. Sie telefoniert, organisiert, säubert Geschirr und sie dient als diejenige, auf die man lästige Arbeiten abwälzt. Sie muss für andere lügen und ihre Handlungsfreiheit ist generell stark eingeschränkt – man verkauft seine Seele, sobald man morgens den Büroeingang passiert.

Die Beklemmung wird durch Green’s starkes Drehbuch noch vergrößert, indem sie in ihrem Film überhaupt nicht zulässt, dass der Zuschauer mit dem eigentlichen Täter konfrontiert wird. Wir hören ihn nur am Telefon oder dumpf durch die Tür. Er schreibt unverschämte E-Mails und er ist immer mal Thema bei Gesprächen, aber der gefürchtete Chef ist für uns zumindest visuell nie zu sehen. Das ist insofern gut, weil sich der Film somit nur aus der Opferperspektive lesen lässt. Er verweilt quasi auf ihnen, sie bekommen endlich die Beachtung, die sie verdienen. Wenn man genau darüber nachdenkt, ist es auch schwierig, sich so einen Mann vorstellen zu müssen. Er ist das unsichtbare Seemonster, das nicht auftaucht, aber es ist da. Dass der Film kein Täterprofil zeichnet, hat mir am besten gefallen. Es erzielte eine neue Wirkung auf mich, die ich bisher aus Filmen so noch nicht kannte.

Richtig schlimm für Jane wird es, als sie persönlich mit der Tatsache konfrontiert wird, dass eine neue Assistentin eingestellt werden soll und diese zuerst in einem Luxushotel vom Chef eingecheckt wird, um sie dann persönlich dort auf den ersten Arbeitstag „vorzubereiten“. Die Dame ist sehr jung, vielleicht sogar minderjährig und vollkommen unerfahren. Für Jane entsteht immer mehr eine klare Vorstellung dessen, was die vielen Unklarheiten und Hinweise bezüglich ihres Vorgesetzten zu bedeuten haben. Jane appelliert an sich selbst und beginnt zu handeln und ab hier wird es dann schmerzhaft. Sie geht für das „gewisse Gespräch“ in die Personalabteilung, hier großartig mit Matthew MacFadyen. Das ganze Machtgefälle wird ohne großen Lärm deutlich, Janes Beobachtungen werden deformiert und sie verlässt den Personaler vollkommen desorientiert und aufgelöst. Erschreckend dann auch die Erkenntnis, dass Jane selbst bisher nicht aus Respekt oder einem besonderen Selbstschutz auf der Couch des Bosses gelandet ist. Nein, sie ist lediglich nicht des Arschlochs „Typ“. Ich bin regelrecht erstarrt.

Mit der „MeToo“-Bewegung und der Weinstein-Affäre, ist The Assistant ein starkes und wichtiges Bildnis über ausgenutzte Abhängigkeiten, willkürliche Gefälligkeiten bis hin zu seelischen und körperlichen Gewaltakten. Die Filmbrache ist nicht der einzige Bereich mit solchen Machenschaften. Es zieht sich durch unsere gesamte Gesellschaft und instinktiv bieten viele Menschen genug Raum zum Vertuschen. Kitty Green’s intelligenter Film ist ein ausgezeichnet gespieltes, glaubhaftes Werk mit präziser Genauigkeit, welches bis zum Ende nüchtern bleibt und mich gelähmt zurück lies.


Titel: The Assistant
Originaltitel: The Assistant
Land/Jahr: USA; 2020
FSK: 12 Jahre
Länge: 88 Minuten
Screenplay & Regie: Kitty Green
Cinematography: Michael Latham
Cast: Julia Garner, Matthew MacFadyen, Kristine Froseth, Dagmara Dominczyk

Titelbild: ©Lido Cinemas

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