Niemals Selten Manchmal Immer

Bewertung: 4.5 von 5.

Während Juno aus dem Jahre 2007 noch von der Planung erzählte, was mit dem Neugeborenen nach der Geburt passieren soll, handelt Niemals Selten Manchmal Immer (Originaltitel: Never Rarely Sometimes Always) davon, wie eine ungewollte Schwangerschaft vorzeitig abgebrochen wird. Eliza Hittman schrieb das Drehbuch zum Film und führte ebenso die Regie.

Die 17jährige Autumn (Sidney Flanigan) lebt in Pennsylvania und jobbt mit ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) in einem Supermarkt. Mit dem Verdacht schwanger zu sein, sucht sich Autumn Hilfe bei einer ehrenamtlichen Praxis um dort einen Schwangerschaftstest durchführen und sich beraten zu lassen. Die Ärztin vor Ort möchte Autumn dazu bewegen, dass Kind nicht abtreiben zu lassen. Nachdem sich Autumn ihrer Cousine anvertraut hat, entschliessen sich beide nach New York zu reisen, da in Amerika die Abtreibungsregelungen zwischen den Bundesstaaten unterschiedlich sind und dort ein Abbruch „leichter“ bzw. legal durchzuführen ist. Mittellos, ängstlich und unwissend begleiten wir die jungen Frauen, sehr nah und intensiv und teilweise auch schmerzlich.

Hittman erzählt ihren Film sehr natürlich, etwas trüb und ohne große Sensationen. Vom Stil fühlte ich mich ob des Naturalismus an die Dardenne-Brüder erinnert. Die Atmosphäre ist so drückend und bedrückend, dass die schweigsamen Momente zwischen den Teenagern fast dokumentarisch wirken und sie suggerieren, dass sich die beiden kennen; und zwar so gut, dass Worte schlicht überflüssig sind. Frauen helfen Frauen und das Thema „Mein Körper, mein Recht“ könnte aktueller kaum sein. Der Film zeigt, wie sehr eine Frau – bis in die heutige Zeit – für ihr Recht kämpfen muss und das Sexismus und Demütigungen bis in die tiefsten Windungen unserer Welt zugegen sind. Es rücken einem die Männer schonmal ungefragt in den eigenen Tanzbereich oder sie sind zwar bereit (und dabei selbstherrlich genug) den Frauen zu helfen, aber keinesfalls uneigennützig und ohne Gegenleistung.

Als ich den Trailer zum Film das erste Mal sah, habe ich mich gefragt, was es mit dem Titel auf sich hat. Never Rarely Sometimes Always verrät dem Zuschauer dieses Geheimnis im zweifellos starken Höhepunkt des Films. Hier zeigt Schauspielneuling Sidney Flanigan wie ihre Vergangenheit beginnt durchzubrechen, in dem sie die Fragen der Arzthelferin beantworten muss. „Bitte beantworten sie die folgenden Fragen mit ‚Niemals, selten, manchmal, immer’“. Der Song, den Autumn zu Beginn des Films singt, wird in diesem Moment biografisch. Sehr berührend und brutal.

Céline Sciamma, Autorin und Regisseurin von Portrait of a Lady on Fire aus dem Jahre 2019, sagte einmal in einem Interview, dass in keinem Museum Abtreibungen je eine große Rolle spielten. Auch heute behandelt man das Thema nach wie vor stiefmütterlich. Gynäkologen dürfen nicht in Bezug auf Schwangerschaftsabrüche „werben“ und nach wie vor wollen andere Menschen den Frauen diktieren, ob sie abtreiben dürfen/sollten oder nicht. Für einige Betroffene hat der Herzschlag des Babys bei der Sonografie nichts magisches und damit geht Never Rarely Sometimes Always so angenehm ehrlich, unpathetisch, schnörkellos, realistisch um und ist ebenso sorgsam recherchiert.

Dieser wunderbare und ruhige Film wurde von Frauen, mit Frauen und über Frauen erschaffen, aber keineswegs sollte er nur ebendiese erreichen. Er ist für alle Geschlechter gedacht, denn das Thema geht uns alle an und gehört noch viel mehr in unseren Fokus. Nur eines hat mir im Film tatsächlich gefehlt: Ein einziger guter Mann. Nicht einer kommt im Film gut weg. Ich konnte nicht ergründen, ob das klare Absicht oder doch unbewusst geschehen ist. So ganz möchte ich nicht darüber hinwegsehen, wirkt es doch zu kalkuliert im politischen Bezug.


Titel: Niemals Selten Manchmal Immer
Originaltitel: Never Rarely Sometimes Always
Land/Jahr: USA & UK; 2020
FSK: 6 Jahre
Länge: 101 Minuten
Screenplay & Regie: Eliza Hittman
Cinematographie: Hélène Louvart
Cast: Sidney Flanigan, Talia Ryder, Ryan Eggold

Eine Antwort zu „Niemals Selten Manchmal Immer”.

  1. […] wie gut sie ihre schönen Visionen verwirklichen kann. Das gleiche gilt übrigens für den furiosen Never Rarely Sometimes Always. Der Dialog ist spärlich und so viel bleibt unausgesprochen, aber man kann jeden Meter Wahrheit […]

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