Von Liebe und anderen Unannehmlichkeiten…

Ach je, wo fange ich bei Andromeda nur an? Ich beginne am besten wohl damit, wie ich bis vor ein paar Monaten noch allgemein zu Mass Effect stand, nachdem die Trilogie um Shepard abgeschlossen war und mein Herz damals in etliche Stücke zerbrach. Trotz der langen Rekonvaleszenzphase nach dem dritten Teil und der Rettungsversuche Bioware’s, dass Flickwerk am Ende irgendwie noch plausibel dastehen zu lassen, bin ich zugegebenermaßen darüber nie wirklich hinweggekommen.

Was einst für mich als große Liebesgeschichte mit dem ersten Mass Effect begann und dann seinen Zenit erreichte, als ich den zweiten Teil spielte, sollte dann mit dem dritten Teil sein trauriges Ende in der Austauschbarkeit vieler Videospiele finden. Ich habe diesem Umstand lange nachgetrauert, wie ich auch schon einer unerfüllten Liebe nachgetrauert habe – es fällt einfach schwer, die Realität zu akzeptieren. Man redet sich die negativen Dinge schön, weil man nicht wahrhaben möchte, dass da eben keine Schmetterlinge waren und keine intensiven Blicke, die man aber meinte gesehen zu haben – verdammt!! Man deutet und interpretiert, solange, bis man den Zustand der ewig rosaroten Brille unter dem unerträglichen Deckmantel der Unerfülltheit nicht mehr aufrechterhalten kann. Die Ernüchterung offenbart dann das Unausweichliche: Das Spiel war in weiten Teilen schlicht Kacke. Genau wie die Person, der du lange Zeit wie ein Trottel den Hof machtest und nicht sehen wollte, was für ein geiler Mensch du eigentlich bist. Und so hatte ich etwas Angst vor Mass Effect: Andromeda, da ich befürchtete, wieder in so ein konfuses Gefühlskarussell zu geraten. Es ließ mich wieder vermehrt an Shepard denken und riss im Vorfeld alte Wunden auf. Schlussendlich erstaunte mich Andromeda sehr hart, denn es hat etwas erreicht, was ich nicht mehr für möglich hielt: Selbst nach Mass Effect 3 gibt es noch Luft nach unten.

Die ersten Stunden mit Andromeda waren zumindest noch relativ durchgewachsen und ich hatte definitiv einige nostalgische Momente eines typischen Mass Effect. Da waren schon ein paar „Ahhh“ und „Ooooh“ dabei, aber alles in allem war die gesamte Einführung schon relativ dröge. Unser Shepard heißt nun Ryder, ein Spectre nennt sich jetzt Pathfinder, die Citadel wurde in Nexus umgetauft und die gute, alte Normandy heißt nun Tempest. Dass es viele Parallelen zu den alten Spielen gibt, finde ich eigentlich recht gelungen. Vor allem im Bezug auf das Mako-Gefährt, welches umgetauft wurde in „Nomad“, kann ich nur Positives berichten. Mit ihm die Planeten abzufahren ist um 100% stressfreier geworden.

Aber was hat man davon, wenn die Handhabung zwar besser geworden ist, aber die Aufgaben substanzloser, die Gespräche überflüssiger und die Figuren nichtssagender? Was graste ich etliche Planeten ab, auf denen sich die Nebenaufgaben bis zum Erbrechen aufgeladen haben und ich dabei vollkommen vergaß, weshalb ich dort eigentlich gelandet bin. SpielerZwei beschrieb es in seinem Text als eine Art „Open-World-Krankheit“. Ganz so schlimm sehe ich es zwar nicht, denn auf den Planeten wird man beim Cruisen schon drauf hingewiesen, wenn man das Missionsgebiet verlässt, allerdings sind die Plätze und das Logbuch irgendwann dermaßen vollgepackt mit Sammelaufgaben und redundanten Kleinquests, dass man wirklich den Überblick verliert. Wo is’n die Hauptquest hin und worum geht’s überhaupt? Egal, erstmal dem unwichtigen Funkspruch nachgehen… Seufz!

Sobald man das große Tutorial durchlaufen hat, kommt auch nicht mehr viel Neues. Die Einführung von Ryder verläuft relativ undramatisch und bisweilen auch oberflächlich, obwohl man sich so schön Zeit hätte lassen können. Bei der Crew hingegen lässt man es zwar langsamer angehen, aber die Charakterzeichnung fast aller Figuren bleibt dennoch blass und unspannend. Obwohl das immer die Stärke von Bioware war – ich sage es wirklich nicht gern – aber so wirklich ans Herz gewachsen ist mir leider keine der Figuren. Während ich im Original bei jedem Teil mindestens einen Crush verbuchen konnte, blieb das Höschen hier leider ziemlich trocken. Zwar sind die jeweiligen Buddyquests, wie SpielerZwei schon erwähnte, schön geschrieben, aber fragt man mich heute, worum es dort denn eigentlich ging, stehe ich nur mit Schulterzucken da. Es spielt in Andromeda viel zu viel, viel zu wenig eine tragende Rolle und das ist sehr sehr schade!

Nach Mass Effect 3 wurde nun der Reset-Knopf gedrückt und man hätte wirklich einen tollen Neuanfang kreieren können. Das gesamte Universum gibt so viel her und ich will nicht abstreiten, dass die ein oder andere Quest auch wieder inhaltlich toll ist. Aber gerade bei den jüngsten Releases von Bioware wie Dragon Age: Inquisition und jetzt auch bei Andromeda stelle ich vor allem fest, dass gerade die Figurenzeichnung misslungen ist und die machte die Bioware-Spiele ja so beliebt und berühmt. Wenn ich überlege, wie sich teilweise manche Szenen 1 zu 1 mit dem ersten Teil gleichen, sie aber in diesem viel mehr Wirkung erzielen konnten, dann weiß ich nicht genau, was hier schief gelaufen ist. Es muss irgendwie an den flachen Charakteren liegen und es müssen auch die Dialoge Schuld sein, denn die laden ebenso zum Fremdschämen ein. Es tut schon etwas weh, wenn sich der eine Kollege total lasziv mit freiem Oberkörper auf dem verschlissenem Sofa wälzt, während ich gerade ein total tiefgründiges Gespräch über seine Familie führe. Himmel!

Ich muss SpielerZwei auch in dem Punkt recht geben, dass Andromeda irgendwie viel zu groß geraten ist. So schön ich es auch finde, die unterschiedlichen Planeten zu bereisen und zu erforschen, aber es ist einfach des Guten etwas zu viel und wird irgendwann halt auch gähnend langweilig. Spätestens nach drei Reliktgewölben ist Schluss, die Teile sind die reinsten Bausätze und die Ausbeute vollkommen belanglos. Das Inventar ist irgendwann voll mit lauter überflüssigen Waffen und Rüstungsteilen, das sind alles Altlasten, die es damals auch im ersten Mass Effect gab. Es ist fast schon witzig, dass sich das nach dem Reset prompt wiederholt. Und wiederholen tut sich tatsächlich auch die Planetenscannerei. Ich meine, mal ernsthaft… hat Bioware noch alle beisammen?!

Aber Mensch, ich will nicht alles verteufeln. Ich war ja immer eine große Freundin der Kämpfe in Mass Effect, vor allem ab dem zweiten Teil. Ich mochte es, mit den verschiedenen Klassen zu experimentieren, bis ich dann irgendwann beim Biotiker landete und sich diese Klasse als mein Favorit herausstellte. So habe ich dann auch die höheren Schwierigkeitsgrade absolviert und fand Gefallen an den dynamischen Kämpfen. Das ist auch in Andromeda so geblieben – ich finde den Biotiker noch immer total cool, die Kämpfe machen mir noch immer Spaß, dank den neuen Jetpacks sogar noch mehr. Den Multiplayer werde ich jedoch trotzdem meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Zum technischen Aspekt kann ich nicht viel sagen, aber da hat SpielerZwei ja schon genug vorgelegt. Ich habe die PS4-Version gespielt und hier läuft das Spiel hervorragend. Andromeda besitzt eine tolle Soundkulisse, welche vor allem beim Spielen über Kopfhörer zu glänzen weiß. Grafisch habe ich schon besseres gesehen, da wird es aber eh schwer im Vergleich zu aktuellen Titeln wie z. B. Horizon Zero Dawn – es ist kein Beinbruch. Etwas schade finde ich auch, dass so wenig neue Alien-Rassen den Weg in den „Neuanfang“ fanden. Die Kett als neuer Erzfeind und die Angara als neue Verbündete, dass war es im Großen und Ganzen schon. Aber vielleicht will man sich ja noch ein bisschen was aufheben für die kommenden Teile. Wünschenswert wäre es, denn die möchte ich trotz des zumeist zähen Mass Effect: Andromeda spielen.

Andromeda kann definitiv meine Wunden bezüglich Mass Effect nicht heilen, aber Liebe und Leid… ihr wisst schon. Ich mag die Serie trotzdem, da ich – komme was wolle – damit die wohl schönsten Stunden verbrachte, die ich je in Videospiele investierte. Ob Bioware jemals wieder zu alter Form auflaufen werden, wage ich zu bezweifeln. Ich hoffe jedoch, dass sie in Zukunft aus dem neuen Mass Effect noch besseres herausholen können. Ein wackliger Neubeginn ist immerhin besser als keiner. Und wie es eben im Leben so ist: Selbst nach etlichen Enttäuschungen in der Liebe geben wir ihr seltsamerweise immer wieder eine neue Chance. Was sind wir doch blöde!

Dieser Artikel ist auch auf Polyneux erschienen!

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5 Gedanken zu “Von Liebe und anderen Unannehmlichkeiten…

      1. Viel Spaß dabei :). Habe Mass Effect 2 & 3 gespielt und möchte die Reihe gut in Erinnerung behalten, weshalb ich von Andromeda wohl eher die Finger lassen werde… :P

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      2. Ich wünschte, ich hätte das auch getan ehrlich gesagt. Es hat wirklich nicht mehr viel mit dem Original gemein, außer die typischen Dinge wie eine zentrale Station, ein Raumschiff und eine Crew. Das Flair der alten Teile erreicht es leider zu keinem Zeitpunkt.

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