Halbjahrestag

Heute ist mein Halbjahrestag. Am 8. November 2012 werde ich einen meiner drei Geburtstage feiern. Mein erster, eigentlicher Geburtstag, ist der Tag meiner Geburt. Dann gibt es noch einen Tag im September, genau genommen der 1. September – das ist mein zweiter Geburtstag, der Tag meiner letzten Chemo im Jahre 2002. Danach wurde mir medizinisch bestätigt, das ich in Remission sei, also tumorfrei. Der 8. November 2011 ist der dritte Geburtstag in meinem Leben. Ein Tag des Glücks, aber auch der Start in schwere Wochen und Monate. Es ist der Tag, an dem mir ein fremder Mensch ganz selbstlos ein sehr wertvolles Geschenk gemacht hat. Er/Sie spendete mir eines seiner/ihrer Organe, eine Leber. Dieser Mensch kannte mich nicht und liebte mich nicht. Vielleicht entschieden es die Angehörigen, vielleicht er/sie selbst, zu Lebzeiten. Ich weiß nur, dass jemand bereit war zu schenken, etwas sehr privates loszulassen, es einfach fortzugeben. Ich weiß nicht was schwerer war: Das Geben oder das Nehmen. Ich vermute, es war für uns beide nicht leicht.

Vor einem halben Jahr, um genau 19.00 Uhr gab es den »Schnitt«. So nennen die Chirurgen den Start einer Operation. An diesem Tag sagte ich »Wiedersehen« zu Leuten, denen ich das nicht sagen wollte. Und als die LmaA-Tablette wirkte, redete ich etwas wirr, dabei wollte ich eigentlich klar sein. Als ich in die Schleuse gefahren wurde, da wusste ich, dass ich vorher noch nie einsam war. Bis zu diesem Moment, dann habe ich es begriffen. Alles, was es da vorher mal gab, war keine Einsamkeit. Selbst die Stunden damals, die ich kotzend nach der Chemo auf dem Klo verbrachte, waren nicht so einsam wie dieser Moment in der Schleuse. Ich kniff in die Decke mit meiner rechten Hand, ich wusste nicht wohin mit der Angst. Im OP-Vorbereitungsraum gab es diese sehr nette Anästhesistin. Sie sagte mir kurz, was sie jetzt tut mit dieser Atemmaske und wie es sich gleich anfühlen wird: Wie Champagner auf nüchternen Magen. Kurz bevor ich begann in die Maske zu atmen sagte ich ihr »Danke«. Sie sagte »wofür, wir haben doch noch gar nichts getan«. Ich sagte »danke, dass sie mir helfen.« Dann atmete ich ein und sie lächelte. Sie hat diesen Augenblick sicherlich schon vergessen. Ich nicht.

Jetzt wollte nicht mehr wach sein. Ich wollte nichts mehr fühlen, egal wie lange es dauert. Und ich wollte nicht mehr »die mit dem Krebs« sein. Ich wollte ihn auch zum zweiten Mal in die Hölle zurück schicken, so war mein Plan. Ich dachte nochmal kurz über den Rückweg aus der Narkose nach, ich wusste ihn nicht. Dann begann alles zu schwanken und sich zu drehen, ich schlief ein.

Ich möchte vorerst gar nicht zu sehr ins Detail gehen, wie die folgenden Wochen ausgesehen haben. Ich bezweifele sogar etwas, ob das ernsthaft jemand wissen möchte, der damit vielleicht gar nicht viel zu tun hat oder sich damit befassen muss. Wer will schon genau wissen, wie die ganzen Flüssigkeiten in seinem Körper aussehen, warum sie da sind und wieso sie hier und da hinfließen müssen. Warum sind sie plötzlich nicht mehr nur in einem, sondern hängen neben dem Bett in Beuteln und Plastikbehältern und fließen dort ab und werden stündlich kontrolliert. Maschienen piepen, man hat einen Schlauch in der Nase und an fünf anderen Stellen, ein Korsett um den Bauch und wahnsinnige Schmerzen am ganzen Körper. Hätte mein Gehirn meiner Lunge nicht immer befohlen zu atmen, dann wäre ich schon am ersten Tag nach der OP gestorben. Die Schmerzen waren kaum unter Kontrolle zu bringen, niemand wusste, was das war. Ich hatte das Gefühl, das Krankenbett war mein Sarg, nur ohne Deckel.

Heute. Jetzt, vor genau 6 Monaten fuhr ich in die Klinik auf die Intensivstation. Entweder um mein Leben zu verbessern, zu verlängern und wieder krebsfrei zu machen – oder um es zu beenden, wenn ich mich dem Risiko hätte ergeben müssen. Ungefähr 3 Monate gab es dann erstmal irgendwie gar nichts, vielleicht war das der Limbus. Ich dachte, ich verfalle. Ich verlor 10 Kilo in 2 Wochen, lernte Mr. Schmerz in seiner schlimmsten Form kennen und habe gelernt, dass Schlafentzug eine der heftigsten Folterarten ist, die es gibt. Ich wollte mich so sehr freuen über das Geschenk dieses wunderbaren Menschen, doch ich konnte es die erste Zeit einfach nicht. Es tat mir so leid.

Aber jetzt und heute, ein halbes Jahr später, geht es mir wieder soweit gut, dass es locker ausreicht um zu sagen, dass ich mich sehr freue jetzt hier zuhause zu sein und zu schreiben. Das ich mich wieder aufs Rad schwingen und wenigstens schonmal kleinere Strecken fahren kann. Das mir das Essen wieder schmeckt, dass ich meiner besseren Häfte wieder auf den Wecker fallen kann und wieder entspannt ein Videospiel einlegen darf. Ich darf mich freuen, dass die Leber sich mit dem Rest meiner Organe scheinbar gut verträgt und ich dem Spender/in jeden Tag ein »Danke« sagen kann. Ja, zwar sind die Medikamente nicht ganz ohne, sie verändern viel und wenn man krank ist, wird auch der Papierkram nicht unbedingt weniger. Und die 100% wie von einem Gesunden werde ich sicherlich auch nicht mehr geben können – man wird sehen. Aber ich bin noch da und wieder krebsfrei, mehr zählt nicht!

Und hier möchte ich es nochmal festhalten: Vielen Dank an meine tollen Freunde, die mich besucht haben und mir immer wieder gut zuredeten. Familie, wenn auch klein, danke. Danke an die Seelsorgerin im Krankenhaus für die Gebete und netten Besuche. Ich danke dem gesamten Transplantations-Team des Berliner Virchow-Klinikums der Charité, dass sie mich operiert haben, krasse 8 Stunden lang, was für eine Leistung! Danke an das gesamte Pflegepersonal, auch an die, die manchmal doof waren. Der Stress, ich weiß der Stress, ich habe das immer verstanden.

Und ein ganz spezieller Dank geht raus an mein Käsi. Ich weiß nicht was gewesen wäre, wenn du nicht dagewesen wärst. Nicht vorstellbar!

Zur Feier des Tages gibts nachher eine frische Berliner Currywurst mit Pommes. Jut wa?!

4 Antworten zu „Halbjahrestag”.

  1. Da wäre aber eigentlich schon mehr als ne bescheidene Currywurst angebracht ;) Alles Gute, Glückwunsch oder was auch immer man dazu am besten sagen sollte :)

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    1. hehe, du hast noch nie bei meinem Lieblingsladen eine Currywurst gegessen, da legst du dich lang! :) Aber stimmt schon, doch ein bißchen muss ich mir noch für den runden Geburtstag aufheben. Ich danke dir für die Glückwünsche.

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  2. Habe leider jetzt erst diesen bewegenden Beitrag gelesen. Und auch wenn ich mir sonst nicht mal im entferntesten vorstellen kann was du durchgemacht hast, so rücken solche Geschichten das eigene Leben wieder eine vernünftige Perspektive. Danke dafür. Und dir auch weiterhin alles Gute, Doreen!

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    1. Ich habe zu danken lieber Marco. :)

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