Jahrestag

Heute ist der 30. August 2011 und ist es nun bereits ein Jahr her, als ich auf die Warteliste für eine Lebertransplantation gesetzt wurde. Seit etwas über einem Jahr weiß ich, dass sich mein Körper bereits zum zweiten Mal in meinem Leben gegen mich gerichtet hat. Als sich der Krebs damals zum ersten Mal meldete, war ich 23 Jahre alt und hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst was sein wird, wenn ich einmal 32 bin, wäre die Motivation sich da durchzukämpfen sicher nur halb so groß gewesen. Hey, interessante Zahlenkombination: 23/32, fällt mir jetzt erst auf.

Die acht gesunden Jahre zwischen den beiden Arschlöchern waren eigentlich ganz wunderbar, auch wenn mir bewusst geworden ist, dass ich die Unbeschwertheit gesunder Menschen wohl für immer verloren habe. Auf die ein oder andere Art bleibt man somit eigentlich immer irgendwie krank. Auch diese ewige Müdigkeit ist geblieben, aber damit kann man sich abfinden, oder sagen wir, man muss. Das oft erwähnte »neue Leben danach« existiert im Grunde gar nicht, jedenfalls nicht für mich. Es ist immer noch das gleiche Leben, nur eben mit einer großen Erfahrung mehr. Leichter – und vor allem neuer – ist es nicht. Nein, ich finde es ist schwerer geworden, aber es ist immer noch schön.

Nun, lebe ich mit dem Wissen um die neue Erkrankung schon über ein Jahr. Ohne Chemotherapie, ohne Bestrahlung. »Diese Tumorerkrankung ist anders« wurde mir gesagt. Sie ist langsamwachsend, doch sie ist da. Medikamente scheint es hier nicht zu geben, eine Transplantation ist in meinem Fall die einzige Option. Am Anfang konnte ich das gar nicht begreifen, eine Erkrankung ohne ein – zumindest eindämmendes – Medikament dagegen? Das es so etwas überhaupt noch gibt, hätte ich nicht gedacht. Ich hätte auch nicht geglaubt, dass es mich nochmal so erwischt, jedenfalls noch nicht so früh. Was für eine Scheiße!

Damals lagen zwischen Diagnose und Therapiestart nicht einmal 24 Stunden. Kaum wussten die Ärzte, dass es sich um ein Hodgkin-Lymphom handelt, war klar was zu tun ist. Was auf mich zukommt, hatte ich mir schon ein paar Tage vorher innerlich ausgemalt. Mir war damals nur nicht bewusst, dass die Möglichkeit des sofortigen Handelns ein ähnliches Geschenk ist, wie die gute Prognose. Heute jedoch ist alles anders. Wenn es ein Rezidiv gewesen wäre, dann würde ich evtl. jetzt schon fertig sein mit der Therapie, vielleicht wäre ich aber auch schon tot, wenn sie nicht angeschlagen hätte. Nun sitze ich aber hier und warte, und warte, und warte – auf ein Organ.

Wenn ich an die Operation denke, dann sehe ich vor meinem geistigen Auge eigentlich nur eine Mauer aus Beton. Es geht bis dahin und nicht weiter. Mir wird etwas genommen, womit ich auf die Welt gekommen bin. Und mir wird etwas eingesetzt, womit jemand anderes auf die Welt kam. Wie abstrus das eigentlich ist, wird einem erst klar, wenn man sich damit näher beschäftigen muss bzw. selbst betroffen ist. Natürlich bin ich dankbar um die Chance und das es diese Option gibt. Nur rauben mir die immer wiederkehrenden existenziellen Fragen und Ängste von Zeit zu Zeit einfach die Kräfte. Ein gebrochener Arm oder ein verstauchter Fuß hätten sicherlich auch gereicht, um mich mal wieder für irgendwas zu bestrafen.

Aber egal wie oft ich versuche es zu drehen und zu wenden, ich muss da durch… ich muss da durch. Und ich muss damit leben lernen, mit dem neuen Organ, den neuen Schwierigkeiten und hoffentlich auch wieder auf ein Leben ohne Bauchweh, ich weiß gar nicht mehr, wie das eigentlich ist. Aber im Großen und Ganzen geht es mir noch einigermaßen gut. Also so im Groben, so allgemein. Ich weiß es einfach nicht richtig.

1 Jahr Warteliste und ein großes Stück nach oben geklettert. Die Uhr tickt, ich weiß nur noch nicht wie laut.

PS: An dieser Stelle möchte ich mich bei allen bedanken, die sich bisher mit der Frage zur Organspende beschäftigt haben und egal auf was die Entscheidung fiel, einen Organspendeausweis bei sich tragen.

11 Antworten zu „Jahrestag”.

  1. Hallo Unbekannte/r,

    ich habe deinen Beitrag gelesen und bewundere dich für deine Tapferkeit und hoffe, dass bald alles gut wird. Ich wünsche dir, dass du schnell eine Spende erhälst! Wie geht es dir zurzeit? Gibt es irgendetwas neues? Bitte antworte mir!

    liebe Grüße Chrissie

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    1. Hallo Chrissi,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Ich liege zur Zeit im Krankenhaus und ich habe am 8.11.2011 eine neue Leber transplantiert bekommen. Die OP ist sehr gut verlaufen, nur habe ich momentan noch sehr mit den Nebenwirkungen zu kämpfen, was aber hoffentlich auch bald hinter mit liegt. Ich danke dir sehr für den Zuspruch, das macht Mut und den kann ich gerade sehr gut gebrauchen.

      Bis bald und pass auf dich auf!
      Doreen

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      1. Hi Doreen,

        oh Mann, das freut mich so für dich!!! Als ich dein Beitrag gelesen habe, da habe ich mit dir mitgefühlt.Man kann Gott nur wirklich danken, wenn der Körper so funktioniert wie er sollte und deiner tut es nun wieder.Das mit den Nebenwirkungen bekommst du auch noch in den Griff, du bist stark. Gott ist bei dir und hat dich beschützt. Ich wünsche dir auch weiterhin alles erdenklich gute, du schaffst das!!!

        liebe Grüße Chrissie

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  2. bin eigentlich wegen 52 Games über den Blog gestolpert und jetzt etwas überrumpelt von dem Eintrag, aber wünsche dir auf jeden Fall, dass du die Liste schnell nach oben kletterst und das Warten bald ein Ende hat. Wird Zeit, dass ich mir auch mal nen Spenderausweis zulege.

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    1. Vielen Dank! Ich wurde im November letzten Jahres erfolgreich transplantiert, das Warten hat also bereits ein Ende, Gott sei Dank. :) Mir geht es momentan ganz gut, ich erhole mich langsam aber sicher, bin gerade auch frisch aus der Reha gestolpert.

      Nochmal Danke jedenfalls für Deinen Kommentar und die Wünsche.

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      1. Das freut mich aber wirklich zu lesen. Dann ist also auch alles gut verlaufen und der Körper hat das Organ gut angenommen, ja?

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  3. Ja, er hat das Organ gut angenommen, die Blutwerte stimmen auch ganz gut. Die ersten zwei Monate nach der Operation ging es mir gar nicht gut, da gab es so einige Komplikationen, aber keine Abstossung. Viele Wochen im Krankenhaus, das zerrte ziemlich an meinen Nerven und manchmal war ich auch kurz davor, das Handtuch zu werfen. Als ich dann schon fast nicht mehr dran glaubte, setzte so langsam in allen Bereichen Besserung ein. :) Und jetzt kann ich eigentlich sagen, dass es mir schon wieder richtig gut geht, bis auf ein paar kleinere Sachen. Aber die sind auszuhalten.

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  4. Es erstaunt mich immer wieder aufs neue was der Mensch im Allgemeinen, und du im Speziellen, so alles wegstecken kann/muss. Ich wünsche dir auch weiterhin gute Besserung und wer weiß, vielleicht darf man sich ja mal wieder als Diskussionspartner in dem ein oder anderen Podcast begrüßen. :-)

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    1. Dankeschön für die Besserungswünsche. Und klar bin ich sehr gerne wieder dabei, hoffentlich dann ohne irgendwelche unangenehmen „downer“. ;)
      Ich schreibe schon seit der REHA an einem Text nach der Transplantation, aber irgendwie ist es etwas schwerer als gedacht. Geht nicht sehr leicht von der Hand und ich bin momentan auch mehr damit beschäftigt, die Dinge wieder genießen zu lernen und nicht ganz soviel zu grübeln. Aber wenn der Text steht, dann kommt er hier in mein Blog und ich werde sicherlich stolz drauf sein. Bin ich auch so schon und vor allem dankbar, dass ich noch atmen darf. Verstehen tue ich das alles trotzdem nicht und ich würde lügen wenn ich sagen würde, dass es mich nicht auch manchmal ziemlich traurig macht. Aber es geht wieder aufwärts! :)

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      1. Ich würde jetzt echt gerne was total motivierendes schreiben, aber leider bin ich nicht besonders gut darin vom Schicksal gebeutelte Mitmenschen seelisch und moralisch in irgendeiner Form aufzubauen. Erfahrungsgemäß ist das oft ja gar nicht erwünscht.

        So oder so freut es mich von deinen Fortschritten zu hören und ich bin gespannt auf den geplanten Beitrag. :-)

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  5. […] ist mein Halbjahrestag. Am 8. November 2012 werde ich einen meiner drei Geburtstage feiern. Mein erster, eigentlicher […]

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