52Games #17 – »Fuuuuuu«

28. Mai 2012

Ein dickes, fettes »Fuuuuuu« geht raus an Max Payne 3, einer der schlechtesten Third-Person-Shooter, den ich in den letzten Jahren spielen durfte. Seit Ankündigung war die Vorfreude auf das Spiel von einer dichten Schwade Skepsis überschattet. Mehr als eine leichte Neugier gab es nicht und deshalb habe ich Max Payne 3 nicht gekauft, sondern einfach aus der Videothek ausgeliehen. Schon nach der Hälfte des Spiels war ich um diesen Umstand sehr froh, denn das Fuuuuuu wäre noch um einiges stärker und größer ausgefallen, hätte ich für diesen Schund den Vollpreis bezahlt. Mir war klar, dass es einen dritten Teil einfach nicht mehr brauchte, aber andere sahen das wohl anders.

Zu seiner Zeit mochte ich die ersten beiden Teile sehr gern. Letztens spielte ich nochmal kurz in Max Payne 1 rein, musste es dann aber aus hier beschriebenen Gründen leider vorzeitig abbrechen. Dieser Teil hatte einfach seine Zeit, heute funktioniert er für mich nicht mehr ganz so gut, aber ich glaube Teil 2 hätte noch wirklich gute Chancen. Das einzige, womit der dritte Teil bei mir Punkten konnte, waren die Soundkulisse und die altbewährten Actionspielereien wie Bullet Time und Shootdodgen. Das wars dann leider schon. Wer jetzt kommt und meint: »Ja, für ‘ne Schiessbude braucht man doch nicht mehr«, der mag zwar irgendwie richtig liegen, nur war Max Payne immer schon etwas mehr als eine reine Schiessbude wie z.B. Killzone, ohne viel Story und Substanz. Bei Max ging es immer noch um etwas mehr: Seine tote Frau, seine tote Tochter, Selbstjustiz, Rache, Trauer, Depressionen, Liebe, Hass, Sex und Mona. Die ersten beiden Teile von Remedy waren emotional, Teil 3 jedoch triefte nur so vor Oberflächlichkeiten.

Die Story besteht im Grunde genommen nur aus einem 08/15 Latino-Mafiagedöns an verschiedenen Schauplätzen, vom schönen New York bis hin zum durchaus glaubhaften Brasilien-Setting. Nur ist das ja heute keine wirkliche Ausnahme mehr, überzeugende Schauplätze haben wir doch schon häufiger gehabt. Max ist jetzt ein gealteter Bodyguard, dessen einzige Beziehung die ihm geblieben ist, seine Whiskey-Flasche zu sein scheint. So gut wie alle Haupt- bis Nebenfiguren in diesem Teil bleiben schrecklich blass und unnahbar. Max baut zu keinem Charakter eine ernste Bindung auf, egal in welcher Form. Aber klar, die Action ist perfekt, den Rest braucht man ja nicht, vor allem nicht im Multiplayer. Kurz gesagt, wird hier eine schlechte Story ganz gut erzählt und ich glaube Max ist – wie schon damals – in Sachen Spielbarkeit doch eher etwas für Maus und Tastatur.

Leider ist es am Ende wirklich egal, auf welcher Hardware man Teil 3 spielt: Die Story wird nicht besser, Max und die Nebencharaktere nicht deeper und das Gesamtpaket nicht runder. Ist dieses Mal halt doch nur ‘ne Schiessbude ohne alles. Sehr traurig und tjo, »Fuuuuuu« sag’ ich nochmal.

Zockwork Orange riefen zum tollen Projekt 52Games auf, an dem ich mich mit diesem Text über das siebzehnte Thema »Fuuuuuu« beteilige.


52Games #16 – »Wasser«

20. Mai 2012

Beim neuen 52Games-Thema musste ich doch ein Weilchen überlegen. Natürlich kenne ich einige Spiele, in welchen es viel Wasser gibt, wo ich schon geschwommen bin oder wo es einfach nur viel geregnet hat. Ich habe mich am Ende dann für Metal Gear Solid 2 – Sons of Liberty entschieden. Warum? Nun, dass ist eigentlich ganz einfach. Zum Einen finde ich, dass Raiden zu jener Zeit der Videospielcharakter war, der die schönsten Schwimm-Animationen während des Tauchens hatte und zum Anderen, da ich die Szene einfach mag, in der er mit Emma zusammen tauchen muss.

Raiden bekommt den Auftrag, Emma Emmerich zu finden. Das ganze Szenario spielt auf einem Frachter oder Tanker und die Etage bzw. der Bereich, in dem sich Emma aufhält, ist vollkommen überschwemmt. Auf dem Hinweg zu Emma müssen wir also mit Raiden tauchen, durch einen kleinen Irrgarten vorbei an Wasserminen, die überall verstreut sind. Das Ganze sieht einfach wahnsinnig cool aus, denn Raiden hat diesen besonderen Delphin-Schwimmstil drauf, mit dem er hauptsächlich seine Beine benutzt, um vorranzukommen. Wenn die Luft knapp wird, muss man die im Areal verteilten Bodengitter nutzen, um kurz zu pausieren und Luft zu holen.

Schließlich landen wir in einer Sackgasse und haben Emma endlich gefunden. Es folgt ein sehr reizender Dialog und wir bekommen mit, dass Emma sehr ängstlich ist und sie nicht schwimmen kann, doch es gibt keinen anderen Weg zurück, wir müssen mit ihr tauchen. Ich glaube ja bis heute, dass Emma eigentlich schon schwimmen kann, nur die Angst hat sie so sehr gelähmt. Um Emma’s (übrigens gesprochen von der großartigen und charmanten Jennifer Hale) Vertrauen zu gewinnen sagt Raiden ihr, sie soll während des Tauchgangs ihr Ohr an seine Brust halten, damit sie seinen Herzschlag hört und wenn sie 100 Schläge gezählt hat, soll sie die Augen öffnen und alles ist überstanden. Wie ein Rucksack auf Raidens Rücken klammert sich Emma an ihn und wir tauchen dann mit ihr zusammen ab.

Wenn man den Weg genau weiß, ist das alles eine Sache von einigen Sekunden, dass erste Mal allerdings bin ich dort ziemlich rumgeirrt. Ich glaube mich auch zu erinnern, dass wir keine Atempausen an den Bodengittern mit ihr machen konnten, was die Angelegenheit nicht unbedingt einfacher machte.

Eine kleine, aber recht gefühlvolle Szene in einem großen Spiel. Insgesamt ist es aber nur ein Teil einer absolut fantastischen Serie, die nach all den Jahren immernoch eine meiner liebsten ist. Ich glaube langsam, ich habe eine kleine Schwäche für Spiele, in denen man jemanden eskortieren muss. Und oh mein Gott, was freue ich mich auf Revengeance!

Zockwork Orange riefen zum tollen Projekt 52Games auf, an dem ich mich mit diesem Text über das sechzehnte Thema »Wasser« beteilige.


52Games #15 – »Kinder«

11. Mai 2012

Als ich Max Payne 1 zum ersten Mal spielte, da fand ich das ganz toll. Und heute finde ich es eigentlich immernoch ganz toll und ein bißchen freue ich mich auch schon auf den dritten Teil, auch wenn ich nichts übermenschliches erwarte. Vor ein paar Wochen saß ich mal wieder vor meinem ranzigen PC, der funktioniert für neue Spiele ja gar nicht mehr so wirklich. Beim Rumklicken sah ich dann, dass der erste Max immernoch installiert ist und irgendwie kribbelte es mir in den Fingern, da mal wieder reinzuschnuppern. Gesagt, getan.

Dramaturgisch gesehen hatte ich Max als sehr intensiv in Erinnerung und das ist es ohne Zweifel auch heute noch, auch wenn ich nach all den Jahren schon bemerkte, dass sich so einiges gesetzt hat. Das liegt aber nicht an dem Spiel, sondern daran, dass man sich selbst einfach verändert hat. Man ist älter und sicherlich auch kritischer. Eigentlich war mir an dem Tag so, als würde ich Max nochmal durchspielen wollen. Dieses Vorhaben fand dann aber leider ein plötzliches Ende wegen einer gewissen Szene – ja, es sollte eigentlich genau DIE SZENE sein… aber das war sie dann irgendwie gar nicht.

Wie wir ja alle wissen, ist Max’ Ritt ja deshalb so ein Ritt, weil seine Familie getötet wurde. Er will Rache, er will jeden, der an dieser Tat beteiligt war, zur Rechenschaft ziehen. Und diese Szene, in der Max nach Hause kommt und wir sehen sollen, was an besagtem Tag des Mordes in der Wohung geschehen ist, erschien mir heute dermaßen flach, dass ich es kaum fassen konnte. Wir hören seine Frau schreien, fremde Männerstimmen, Schüsse, Türen schlagen zu und das extrem laute Weinen eines kleinen Kindes. Max’ Frau ruft nach ihm, wir irren durch die Wohnung und erschiessen nach jeder geöffneten Tür circa zwei dieser Killertypen. Die Spannung ist kaum auszuhalten, bis dann plötzlich der komplette Bruch für mich kam, mit dem ich kaum gerechnet habe.

Max betritt das Kinderzimmer und wir begreifen plötzlich, dass das laute Weinen des Babys schon ein paar Sekunden nicht mehr zu hören war. Wir sehen uns um und dann stehen wir mit Max stumm und emotionslos vor dem Babybett. Noch schlimmer ist, dass wir sogar einfach daran vorbeilaufen könnten, ohne es überhaupt zu bemerken. Es gibt an der Stelle gar keine Cutscene. Das Kind selbst, eingewickelt in eine Babydecke, sehen wir (Gott sei Dank!) nicht wirklich. Man sieht Blut am Bett und wir wissen, das Kind ist tot, erschossen, wie grauenhaft. Für mich war es grauenhaft, mein Gott, wie kann man denn ein Baby erschiessen? Für mich war die Sache klar: diese Szene wäre für mich als Autorin des Dramas der Zenit. Ein Vater findet sein ermordetes Kind, hier müsste man alle Alarmknöpfe drücken und man sollte alles komplett aufdrehen, was ein Mensch an Emotionen ertragen kann. Aber hier ist es einfach ein riesengroßes Nichts. Ich glaub es hackt Remedy!

Ulkigerweise reagiert Max beim Fund seiner Ehefrau ganz anders. Er weint, er schreit und wir sehen in illustrierten Bildern, wie er ihren toten Körper umklammert. Ich habe es nicht verstanden. Nicht, dass er um seine Frau trauert, sondern weil er es bei seinem Kind nicht tat. Schlecht geschrieben oder schlecht inszeniert, so habe ich das gar nicht mehr in meinen Gedanken gehabt. Damals bin ich nicht in der Lage gewesen, das zu erkennen. Heute brachte es mich dazu, das Spiel einfach auszumachen.

Minutenlanges, intensives Kinderweinen. Schreie, Schüsse und Blut. Scharfer Spannungsaufbau und dann eine verpuffte Offenbahrung, eine schale Konfrontation. Und das, bei einem ermordeten Kind. Das war wohl nix, Remedy.

Zockwork Orange riefen zum tollen Projekt 52Games auf, an dem ich mich mit diesem Text über das fünfzehnte Thema »Kinder« beteilige.


Halbjahrestag

8. Mai 2012

Heute ist mein Halbjahrestag. Am 8. November 2012 werde ich einen meiner drei Geburtstage feiern. Mein erster, eigentlicher Geburtstag, ist der Tag meiner Geburt. Dann gibt es noch einen Tag im September, genau genommen der 1. September – das ist mein zweiter Geburtstag, der Tag meiner letzten Chemo im Jahre 2002. Danach wurde mir medizinisch bestätigt, das ich in Remission sei, also tumorfrei. Der 8. November 2011 ist der dritte Geburtstag in meinem Leben. Ein Tag des Glücks, aber auch der Start in schwere Wochen und Monate. Es ist der Tag, an dem mir ein fremder Mensch ganz selbstlos ein sehr wertvolles Geschenk gemacht hat. Er/Sie spendete mir eines seiner/ihrer Organe, eine Leber. Dieser Mensch kannte mich nicht und liebte mich nicht. Vielleicht entschieden es die Angehörigen, vielleicht er/sie selbst, zu Lebzeiten. Ich weiß nur, dass jemand bereit war zu schenken, etwas sehr privates loszulassen, es einfach fortzugeben. Ich weiß nicht was schwerer war: Das Geben oder das Nehmen. Ich vermute, es war für uns beide nicht leicht.

Vor einem halben Jahr, um genau 19.00 Uhr gab es den »Schnitt«. So nennen die Chirurgen den Start einer Operation. An diesem Tag sagte ich »Wiedersehen« zu Leuten, denen ich das nicht sagen wollte. Und als die LmaA-Tablette wirkte, redete ich etwas wirr, dabei wollte ich eigentlich klar sein. Als ich in die Schleuse gefahren wurde, da wusste ich, dass ich vorher noch nie einsam war. Bis zu diesem Moment, dann habe ich es begriffen. Alles, was es da vorher mal gab, war keine Einsamkeit. Selbst die Stunden damals, die ich kotzend nach der Chemo auf dem Klo verbrachte, waren nicht so einsam wie dieser Moment in der Schleuse. Ich kniff in die Decke mit meiner rechten Hand, ich wusste nicht wohin mit der Angst. Im OP-Vorbereitungsraum gab es diese sehr nette Anästhesistin. Sie sagte mir kurz, was sie jetzt tut mit dieser Atemmaske und wie es sich gleich anfühlen wird: Wie Champagner auf nüchternen Magen. Kurz bevor ich begann in die Maske zu atmen sagte ich ihr »Danke«. Sie sagte »wofür, wir haben doch noch gar nichts getan«. Ich sagte »danke, dass sie mir helfen.« Dann atmete ich ein und sie lächelte. Sie hat diesen Augenblick sicherlich schon vergessen. Ich nicht.

Jetzt wollte nicht mehr wach sein. Ich wollte nichts mehr fühlen, egal wie lange es dauert. Und ich wollte nicht mehr »die mit dem Krebs« sein. Ich wollte ihn auch zum zweiten Mal in die Hölle zurück schicken, so war mein Plan. Ich dachte nochmal kurz über den Rückweg aus der Narkose nach, ich wusste ihn nicht. Dann begann alles zu  schwanken und sich zu drehen, ich schlief ein.

Ich möchte vorerst gar nicht zu sehr ins Detail gehen, wie die folgenden Wochen ausgesehen haben. Ich bezweifele sogar etwas, ob das ernsthaft jemand wissen möchte, der damit vielleicht gar nicht viel zu tun hat oder sich damit befassen muss. Wer will schon genau wissen, wie die ganzen Flüssigkeiten in seinem Körper aussehen, warum sie da sind und wieso sie hier und da hinfließen müssen. Warum sind sie plötzlich nicht mehr nur in einem, sondern hängen neben dem Bett in Beuteln und Plastikbehältern und fließen dort ab und werden stündlich kontrolliert. Maschienen piepen, man hat einen Schlauch in der Nase und an fünf anderen Stellen, ein Korsett um den Bauch und wahnsinnige Schmerzen am ganzen Körper. Hätte mein Gehirn meiner Lunge nicht immer befohlen zu atmen, dann wäre ich schon am ersten Tag nach der OP gestorben. Die Schmerzen waren kaum unter Kontrolle zu bringen, niemand wusste, was das war. Ich hatte das Gefühl, das Krankenbett war mein Sarg, nur ohne Deckel.

Heute. Jetzt, vor genau 6 Monaten fuhr ich in die Klinik auf die Intensivstation. Entweder um mein Leben zu verbessern, zu verlängern und wieder krebsfrei zu machen – oder um es zu beenden, wenn ich mich dem Risiko hätte ergeben müssen. Ungefähr 3 Monate gab es dann erstmal irgendwie gar nichts, vielleicht war das der Limbus. Ich dachte, ich verfalle. Ich verlor 10 Kilo in 2 Wochen, lernte Mr. Schmerz in seiner schlimmsten Form kennen und habe gelernt, dass Schlafentzug eine der heftigsten Folterarten ist, die es gibt. Ich wollte mich so sehr freuen über das Geschenk dieses wunderbaren Menschen, doch ich konnte es die erste Zeit einfach nicht. Es tat mir so leid.

Aber jetzt und heute, ein halbes Jahr später, geht es mir wieder soweit gut, dass es locker ausreicht um zu sagen, dass ich mich sehr freue jetzt hier zuhause zu sein und zu schreiben. Das ich mich wieder aufs Rad schwingen und wenigstens schonmal kleinere Strecken fahren kann. Das mir das Essen wieder schmeckt, dass ich meiner besseren Häfte wieder auf den Wecker fallen kann und wieder entspannt ein Videospiel einlegen darf. Ich darf mich freuen, dass die Leber sich mit dem Rest meiner Organe scheinbar gut verträgt und ich dem Spender/in jeden Tag ein »Danke« sagen kann. Ja, zwar sind die Medikamente nicht ganz ohne, sie verändern viel und wenn man krank ist, wird auch der Papierkram nicht unbedingt weniger. Und die 100% wie von einem Gesunden werde ich sicherlich auch nicht mehr geben können – man wird sehen. Aber ich bin noch da und wieder krebsfrei, mehr zählt nicht!

Und hier möchte ich es nochmal festhalten: Vielen Dank an meine wenigen, aber tollen Freunde, die mich besucht haben und mir immer wieder gut zuredeten. Familie, wenn auch klein, danke. Danke an die Seelsorgerin im Krankenhaus für die Gebete und netten Besuche. Ich danke dem gesamten Transplantations-Team des Berliner Virchow-Klinikums der Charité, dass sie mich operiert haben, krasse 8 Stunden lang, was für eine Leistung! Danke an das gesamte Pflegepersonal, auch an die, die manchmal doof waren. Der Stress, ich weiß der Stress, ich habe das immer verstanden.

Und ein ganz spezieller Dank geht raus an mein Käsi. Ich weiß nicht was gewesen wäre, wenn du nicht dagewesen wärst. Nicht vorstellbar!

Zur Feier des Tages gibts nachher eine frische Berliner Currywurst mit Pommes. Jut wa?!


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